OLDENBURG Eigentlich sind die Frauenfiguren von Leos Janacek leicht zu durchschauen. Doch Kátja Kabanová, die Titelfrau der Oper von 1921, entzieht sich dem schnellen Urteil. Regisseurin Lydia Steier hat lange um das Profil für die im Ehekäfig eingeschlossene und im gesellschaftlichen Umfeld gefangene Person ringen müssen. Für die Neuinszenierung im Großen Haus des Staatstheaters hat sie dabei eine logische und moderne Deutung entwickelt.

Im Teufelskreis

Janacek hatte Ostrowskis Sozialdrama „Gewitter“ heftig zusammengestrichen. Der Fokus des Komponisten richtet sich ganz auf die Hauptfigur. Kátja mit ihrem reichen Innenleben verdorrt in der Abgeschiedenheit des Nestes Kalinov an der Wolga zwischen der herrschsüchtigen Schwiegermutter Kabanicha, ihrem schwächlichen Ehemann Tichon, ihrem viel zu feinsinnigen Liebhaber Boris und dem Dorfklatsch. Am Ende sieht sie nur den Weg in den Fluss.

Steier schärft noch einmal Charakter und Seelenleben der Kátja nach. Sie wird zur modernen Frau, die sich selbst ihre Maßstäbe setzt, die gegen sich selbst den Druck aufbaut, die sich um sich selbst dreht. Aus diesem Teufelskreis gibt es im Leben kein Entrinnen, nur die Psychiatrie.

Mit der Inszenierung in der Originalzeit 1860 liegen Regie und Bühnenbild (Flurin Borg Madsen) von vornherein nicht falsch. Vor allem aber: Sie machen darüber hinaus alles richtig. Sie wechseln auf der Drehbühne rasch zwischen dem als Käfig auf schiefer Ebene gebauten Wohnzimmer, einer das Dorf und die Familie unterhaltenden Puppenfabrik und dem Wolga­ufer.

Die entschlossene Personenführung ist ebenso drastisch wie dezent. Die Witwe Kabanicha und der versoffene Dikoj treiben es ungeniert auf der Bühne. Aber die zehn Nächte, die Kátja mit Boris verbringt, werden mit einem Spaziergang am Flussufer nur angedeutet. Alle Symbolik stellt kaum Rätsel und lenkt den Blick auf eine ausgeprägte Mimik.

Valérie Suty bleibt der Titelrolle nichts an überbordender Gefühlsausbreitung schuldig. Nur in der forcierten Höhe gerät ihr Sopran monochrom, unterschlägt Nuancen. Jayne Casselmans warmer Alt müsste für die Kabanicha härter klingen. Stefanie Schaefer als Vertraute Varvara setzt stimmlich den lebhaften Gegenpol.

Expressive Musiksprache

Die Rollen der „schwachen“ Männer sind mit starken Sängern besetzt: Daniel Ohlmann als Boris, Alexej Kosarev als Tichon, Michael Pegher als Lebenskünstler Kudrjasch und Daniel Henriks als Dikoj. Bewundernswert ist der Zugang zum tschechischen Sprachidiom.

Thomas Dorsch und das Staatsorchester haben sich in die kleinteilige, expressive, aus Vertrautheit heraus unvermittelt umschlagende Musiksprache intensiv eingearbeitet. Von den Anforderungen stets im obersten Bereich zeugen nur wenige ungewollte Schärfen. Dorsch unterstreicht bei extremen Tonartenwechseln das Fragende in Janaceks Musik. Höhepunkte sind jene Momente, in denen sich in langen Kantilenen die Zeit zu dehnen scheint.

Das Schlusswort spricht die Musik. Noch im Dunkel glüht sie, mahnt, dass jedes Leben gestaltenswert bleibt. Die Regie greift das auf. Wo am Beginn Kátja mit verschlossenem Herzen am Fenster lehnte, steht jetzt ein Kind (Jana Meister an ihrem Geburtstag). Unschuldig, ein Leben vor sich. Es könnte ein unbeschädigtes werden.

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