OLDENBURG Seinen eigenen Weg hat Max Herrmann (1908–1999) immer mit äußerster Konsequenz verfolgt. Wenn es sein musste, brach er dafür auch Hals über Kopf mit dem Fahrrad von Dresden nach Frankfurt am Main auf. Das war, als er dem „pietschigen Akademismus“ bei Otto Dix zu entkommen suchte, um stattdessen an der Städelschule als Meisterschüler anzufangen – bei keinem Geringeren als Max Beckmann.

Dass ihm auch dort der Schatten des Meisters nicht etwa zu groß, sondern bald zu klein wurde, dass er eine zunehmende bildnerische Abstraktion dem Expressionismus vorzog, spricht wiederum für den ganz eigenen Kopf von Max Herrmann. Aber er hat einen Ratschlag von Beckmann nicht vergessen, ihn später häufig zitiert und vermutlich auch beherzigt: „Wenn Sie nicht weiterkommen, drehen Sie das Bild um und malen weiter.“

Wer die Biografie des Malers aus Halle an der Saale liest, stößt auf lauter große Namen: neben den Übervätern Dix und Beckmann auch Koryphäen der Zeichnung wie Charles Crodel und Gerhard Marcks. Nach diesem exklusiven Ausbildungsweg kam er 1933 – wohl eher zufällig – nach Oldenburg, um als freier Künstler zu arbeiten, ließ sich aber auch am Leipziger Konservatorium zum Musiklehrer ausbilden, um sich ein zweites berufliches Standbein zu schaffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er schwer verwundet überstand, kehrte er nach Oldenburg zurück, wo er erneut Konsequenz bewies: Er beschritt definitiv den Weg als freier Künstler, nutzte die Musik als zweiten Broterwerb und blieb bis zu seinem Lebensende der Abstraktion verpflichtet.

Besonders charakteristisch war sein Umgang mit Glas: Unzählige Kirchen in Oldenburg, der Region, in Ostfriesland und ganz Niedersachsen hat er mit abstrakten Bleiglasfenstern, Glasmalereien und Glasbetonwänden verschönert, durch die sich auf dramatische Weise das Licht bricht und deren abstrakte Formensprache fast musikalisch anmutet. Sein letzter Kirchenfenster-Entwurf entstand etwa zwei Monate vor seinem Tod.

Daneben schuf er ein malerisches Werk, das immer wieder in Erstaunen versetzt. Expressive Farbigkeit verband er mit rhythmischer Abstraktion. Wobei sein malerisches Temperament in zunehmendem Alter nicht etwa nachließ, sondern sich eher noch steigerte. „Ich habe kein Programm“, sagte er einmal. „Ich stehe immer wieder neu da.“ Und das bis zum letzten Atemzug.

Zum 100. Geburtstag an diesem 11. September wird im Oldenburger Prinzenpalais eine Ausstellung mit Gemälden von Max Herrmann eröffnet. Wer sich für seine malerischen Wurzeln interessiert, muss anschließend nur ins Augusteum oder Horst-Janssen-Museum gehen. Dort findet sich Expressionismus pur, in Gemälden und auf Papier. Otto Dix und Max Beckmann sind selbstverständlich auch darunter.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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