Oldenburg Unmöglich, sich das heute vorzustellen: Da fällt ein gestandenes Mädchen auf einen Hallodri von Liebhaber herein, weiß nicht, wohin er sich abgesetzt hat und wartet über 20 Jahre auf seine Rückkehr. Ein Mädchen von heute wäre längst in einem Dating-Portal unterwegs. Und es wüsste über Selbstdarsteller-Medien alles von den Eskapaden dieses eitlen Aufschneiders.

Aber es war 1867, als Henrik Ibsen sich an seine komplexe Dichtung „Peer Gynt“ heranmachte. Bis 1876 hatte Edvard Grieg dazu eine 26-teilige Bühnenmusik geschrieben, die durch zwei spätere Suiten seinen Weltruhm festigte. Wohl nur in altertümlicher Einsamkeit darf die sitzengelassene Solveig jenes Lied singen, das auch im Großen Haus des Staatstheaters die Herzen der Hörer zum Schmelzen bringt.

Hendrik Vestmann hat im 8. Sinfoniekonzert das Werk fast komplett ins Programm gestellt. In einer Halb-Inszenierung greifen Handlungs-Schilderung, Ausmalen von Gefühlen, Einschübe von Chor und Extrachor und eben die Musik höchst geglückt ineinander.

Thomas Lichtenstein erzählt mit die Geschichte des Peer. Pirmin Sedlmeir verleiht diesem Taugenichts hintergründige Lebendigkeit. Caroline Nagel stellt die Mutter Aase dar, Magdalena Höfner belebt die Figuren Anitra, Ingrid und Trollin äußerst wendig. Obendrein singen die Schauspieler Höfner und Sedlmeir auch noch. Für den professionellen Gesang der Solveig ist Sooyeon Lee zuständig. Sie macht das schlicht, ausdrucksvoll und ohne gefühlige Dehnungen.

Der Generalmusikdirektor hält Ironie in der bildhaften Musik zurück. Das Staatsorchester spielt kühl brillant, schwelgerisch in den Streichern, plastisch in den Holzbläsern, packt auch kräftig zu, mit prächtigen Soli von Holger Zindler (Violine) und Kari Träger (Viola). Die melodische Genüsslichkeit veredelt der Dirigent behutsam mit melancholischen Untertönen. Die kleine Überdosis Sentimentalität am Ende geht rein auf das Konto des Duos Ibsen-Grieg.

Kann sich heute jemand vorstellen, dass Peer Gynt auf seine Frage: „Wo war ich die ganze Zeit?“ von einer modernen Frau nicht zur Antwort erhielte: „In Amerika, in Marokko und sonst wo, ich habe alles verfolgt?“ Nein, Solveig sagt rührend: „Du warst in meinem Glauben, in meinem Hoffen, in meinem Lieben.“ Unglaublich, zu schön.

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