Oldenburg Was soll man sagen, wenn man nicht weiß, welche Worte die Richtigen sind? Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, oder wenn einem schlichtweg die Worte fehlen? Mit dem „Archiv des Unvollständigen“ haben die Autorin Laura de Weck und der Regisseur Thom Luz zusammen mit fünf Schauspielern aus dem Ensemble des Oldenburgischen Staatstheaters ein Stück entwickelt, das eben jene Defizite und Lücken unserer Sprache aufdeckt. Zugleich wendet es sich gegen inhaltsleeres Dreschen von Phrasen. Im Mai wurde das Stück bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt und feierte am Sonnabend seine Oldenburger Premiere in der Exerzierhalle.

Die Bühne gleicht einem Tonstudio (Ausstattung: Lisa Maline Busse): Zwei Klaviere stehen beziehungsweise liegen im Raum, Mikrofone hängen von der Decke, Kopfhörer liegen bereit, und im Hintergrund befinden sich auf zwei Stockwerke verteilt sechs weitere Aufnahmekabinen. Dort, im Archiv des Unvollständigen, legen die fünf Mitarbeiter eine Sammlung an von Dialogen, Biografien und Situationen, in denen Sprache an ihre Grenzen stößt, mit dem Ziel, eine Vollständigkeit des Unvollständigen zu erreichen.

Es ist ein Konglomerat des Alltäglichen: Flurgespräche, Vorträge, Liebeserklärungen, Selbstgespräche, die im Archiv auf ihre Leerstellen untersucht werden. Dabei sind die Szenen selbst nur Fragmente, aus ihrem Zusammenhang herausgerissene Momentaufnahmen: ein „Hallo Schatz“, das zur inhaltsleeren Begrüßungsformel für Jedermann verkommt. Ein „Ich liebe Dich“, dessen Inhalt genauer geklärt werden muss. Ist es ein Sachverhalt, ein Denkvorgang?

Wo die inhaltliche Ebene der Sprache an ihre Grenzen gelangt, wird mit dem klanglichen Gehalt weitergearbeitet, mit Rhythmus, Wiederholungen und Pausen. Peinliches Schweigen wird mit Musik gefüllt, von Johann Sebastian Bach bis Freddy Quinn.

Das „Archiv des Unvollständigen“ sucht nicht nach Lösungen, es analysiert und experimentiert. Es bleibt bei der Feststellung, dass Sprache so ist, wie sie ist – mit ihrer Begrenztheit, inneren Widersprüchlichkeit und eigenen Komik.

Die Schauspieler Sarah Bauerett, Hanna Franck, Caroline Nagel, Eike Jon Ahrens und Vincent Doddema überzeugen in dieser gelungenen Inszenierung mit großer Präsenz und Intensität.


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