Berlin /Oldenburg Sechs Kilogramm wiegt so eine Filmkamera, was sich nicht schwer anhört, aber sehr schwer ist, wenn man ein schmächtiger norwegischer Kameramann ist und mit so einem Sechs-Kilo-Ding 140 Minuten lang atemlos durch die Nacht hetzen muss. Nämlich runter in den Technokeller. Rauf aufs Plattenbaudach. Rein in den Spätkauf, in den Coffeeshop, ins Fluchtauto, ab zum Banküberfall. Weglaufen vor der Polizei, ducken vor den Pistolenkugeln. Treppen rauf, Treppen runter, 22 Berliner Drehorte, Sturla Brandth Grøvlen (35) rennt hinter den Schauspielern her und schaltet seine Kamera nicht ab, nein, nie, nimmer.

„Unglaublich“, sagten die Kritiker auf der Berlinale, als sie den Krimi „Victoria“ im Februar 2015 zum ersten Mal sahen: gedreht als „One Take“, also in einer einzigen Kameraeinstellung, ohne Schnitt, ohne Atempause. Zwölf Seiten Drehbuch gab es angeblich nur, dafür umso mehr Improvisation, zehn Tage Probe, schließlich drei Drehdurchgänge von jeweils 140 Minuten. Der dritte ist ab Donnerstag im Kino zusehen.

Zurück zur Gefahr

Das klingt nach Olympia, nach Wettkampf und Guinnessbuch (tatsächlich bekam Kameramann Grøvlen auf der Berlinale so eine Art Siegerurkunde: den Silbernen Bären für „herausragende künstlerische Leistung“). Regisseur Sebastian Schipper (47) ging es aber nicht um den „sportiven Ansatz“, sondern um etwas anderes: Er wollte dem Kino die „Gefährlichkeit“ zurückgeben, sagt er, all diese Zwischentöne, Nebentöne und Misstöne, die in der üblichen Hollywood-Perfektion keinen Platz mehr haben.

Kurz: „Victoria“ sollte eine Geschichte „komplett“ erzählen – „und komplett heißt: Alles kommt vor“.

Da tanzt also diese junge Spanierin im Technokeller, Victoria heißt sie, sie trinkt Wodka, sie flirtet. In wenigen Stunden muss sie arbeiten, sie muss das Café aufschließen, aber hey, das hier ist Berlin!

Sie lernt vier Kiez-Jungs kennen, sie heißen Sonne, Blinker, Fuß und Boxer, sie feixen und scherzen, langsam wird es hell, und jetzt guckt euch mal den Sonne und die Victoria an, da geht doch was! Eine zarte Romanze morgendämmert, und Grøvlens Kamera ist live dabei.

Aber die Jungs haben noch zu tun. Boxer hat im Knast Schulden gemacht und soll sie nun begleichen, indem er einen Auftrag für einen Gangsterboss (André Hennicke) übernimmt. Ein kleiner Banküberfall, ganz locker, null Risiko, Fuß soll den Fluchtwagen fahren, aber Fuß ist zu besoffen, also fährt Victoria den Wagen, so nimmt der Irrsinn seinen Lauf. Ein fast konventionelle Geschichte, könnte man sagen.

Oldenburger Regisseur

Sebastian Schipper wuchs in Aurich und Oldenburg auf. Nach dem Abitur in Oldenburg studierte er in München. Bekannt wurde der heute 47-Jährige durch Filme wie „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“.

Aber Schipper erzählt sie eben nicht konventionell, sondern in Echtzeit, Kameramann Grøvlen klebt wie ein Kriegsreporter an seinen Helden und filmt jeden ihrer Schritte. Die Echtzeit hat ihre Tücken, ohne Schnitte gibt es keine Abkürzungen: Wenn jemand die Treppe hinaufläuft, dann läuft er die Treppe hinauf, Stufe für Stufe, wir Zuschauer müssen mitlaufen.

Aber während wir so mitlaufen, packt uns der Sog, immer stärker zieht uns Grøvlens Kamera in die Geschichte hinein, betäubt uns die Intensität der Schauspieler die Sinne (allen voran Frederick Lau als Sonne und Laia Costa als Victoria).

Unbequem und bewegend

Man muss das nicht mögen: diesen zähen Erzählfluss besonders am Anfang, die taumelnde Kamera, das körnige Bild. Aber ist so nicht die Berliner Nacht: anstrengend, unscharf, grobporig? Auf der Berlinale sang Schipper ein Loblied auf die deutsche Filmförderung. Recht hat er: Rein privatwirtschaftlich wäre ein solches Experiment wohl nicht möglich gewesen. Jetzt gibt es „Victoria“: unbequem, aber bewegend wie schon lange kein Film mehr.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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