OLDENBURG 2400 Anhänger des großen Tenors erlebten den Beginn der Deutschland-Tournee. Die Grenzen zwischen großer und kleiner Kunst verschwammen.

Von Horst Hollmann OLDENBURG - Die Nachfrage nach Tenören ist groß. Und wenn sie im ungerechten Musikbetrieb stets höher gefeiert werden als der tiefste Bass der Welt, dann lauert die Gefahr, schon vor der künstlerischen Vollendung verheizt zu werden. Auch José Carreras hat sich vor 30 Jahren auf diese Schleuderfahrt begeben. Aber der 59-jährige Spanier, der zudem eine lebens- und karrierebedrohende Leukämie-Erkrankung überwinden musste, steht immer noch im Geschäft – und wie!

Eine gute Stunde Musik vor Zugaben zelebrierte Carreras zum Beginn seiner Deutschland-Tournee 2400 Verehrern in der Oldenburger EWE-Arena. Da galt in Relation zu den Eintrittspreisen jeder Ton als sehr wertvoll.

Aber der feingliedrige Aristokrat der hohen Stimme schob bereitwillig gleich zwei Zugaben nach, ließ sich dann zu einer dritten hinreißen und sich schließlich noch eine vierte abgewinnen. Und sein volles Engagement in den nachgeschobenen Liedern und Arien bewies: Zuerst hat der Star das Herz des Publikums getroffen, und am Ende hat es ihm auch selbst nach einer dezenten, aber spürbaren äußeren Zurückhaltung das Herz gerührt.

Mutig und dennoch stimm-kompatibel gestaltete das einstige Mitglied des Drei-Tenöre-Kartells (mit Domingo und Pavarotti) sein Programm „Belle Epoque“. Dieses nicht einheitlich unter dieser Marke zu vereinigende Jahrhundert von 1850 bis 1950 hält schillernde Werke zwischen Kunst und Kitsch bereit.

15 Programmnummern bestritt Carreras mit dem vorzüglichen Nuevo Quartetto Italiano und Pianist Lorenzo Bavaj. Vier weitere Nummern entfielen auf Streichquartett und Klavier, Stücke an der Grenze zur Schnulze von Elgar oder Tosti, aber nicht im entferntesten gefühlig interpretiert.

Lieder von Franz Schreker oder Alexander Zemlinsky hat der Spanier neben eingängigen, aber wenig bekannten Melodien von Giacomo Puccini oder Ernesto Tagliaferri entdeckt. Frappierend, wie er den französischen Tonfall von Maurice Ravel oder Erik Satie traf. Dessen „Je te veux“ zählte zu den musikalisch gelungensten Darbietungen. Da drückte Carreras nichts ins Exzentrische, sondern entwickelte den musikalischen Fluss wie selbstverständlich.

Carreras balancierte auf dem schwindelnd hoch gelegenen Grat zwischen dem gebliebenen Vermögen eines Künstlers, der über 60 Opernrollen gelebt hat, und den Einschränkungen, welche die Zeit auch den ganz Großen auferlegt.

Die Stimme sitzt nach wie vor richtig gut, Carreras besticht mit einer bemerkenswerten Legato-Kultur, er bildet schlüssige Bögen. Und er weiß, dass die gemäßigte Mezzavoce anstelle eines ständigen Hochdrucks für ihn bedeutsamer wird. Es ist nicht zu leugnen, dass er beim Übergang vom Brust- zum Kopfton ein wenig stemmen muss. Nicht mehr alle Höhe-Flüge sind noch Höhepunkte, aber sie enden sauber und entbehren nicht der betörenden Süße.

Am höchsten schwang sich Carreras in der überraschend angenehmen Durchhörbarkeit der Arena in „Rosó, pel teu amor?“ von Josep Ripas. Da ging er an die Grenze und darüber. Aber welches Charisma strahlte auch noch aus dieser Aktion!

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