BREMEN Wie ein Bilderbuch für Goethe-Kenner präsentiert sich dieser Abend. Ob Kostüme, Pflanzen, oder Worte: Alles ist den historischen Vorlagen entsprechend arrangiert. Nur lebendige Menschen sind hier rar. Vielmehr gibt es Wachsfiguren zu sehen. Und der Theaterschlaf droht. Alle Spannungsbögen sind vom ersten Moment an auf merkwürdige Weise eingeebnet. Da sitzen Eduard (Tobias Beyer) und Charlotte (Susanne Schrader) auf einem Klavier. Sie sind Eheleute. Sie besprechen sich: ausführlich. Und die folgende, knapp dreistündige Aufführung ufert zu einem zähen Fluss von nicht enden wollendem Sprechtheater aus.

Textlieferanten

Der Zuschauer fragt sich: Was zieht dieser Inszenierung bloß jegliche Kraft aus dem Gerippe? Woran liegt es, dass der von Philip Stemann eingerichtete Theaterabend so schwächlich, schlaff und fern von aller Dramatik daherkommt?

Womöglich liegt es an der Vorlage selbst. Goethes Ehe-Roman ist großer Lesestoff, der nicht als Bühnenwerk konzipiert wurde. Im Kern steht die Frage: Was soll aus Verheirateten werden, wenn der Bund der Ehe geschlossen ist, die Begierde sich jedoch nach vielen Jahren plötzlich auf neue Partner richtet?

Das Bremer Regie-Team kann kein überzeugendes Theaterstück aus dem mächtigen Original formen. Der Abend erstickt an einer gewaltigen Überdosis Prosa. Immer wieder kleben die Schauspieler an den Textgebirgen fest. Und auch von Leidenschaft ist wenig zu bemerken.

Viele hölzerne Malergerüste hat der Ausstatter C. R. Müller auf der Bühne verteilt und dahinter einige Leinwände aufhängen lassen. Zudem wurden alle Figuren detailgenau mit Kostümen aus Goethes Welt versehen.

Ottilie, die jugendliche Kindfrau, ist an diesem Abend mit Varia Linnea Sjöström durchaus überzeugend besetzt – aber eben auch sehr klischeehaft ausgestattet. Mit Puffärmelchen und piepsiger Stimme muss sie möglichst exakt dem Bild der überlieferten Vorlage entsprechen. Auch Axel Röhrle (als Hauptmann) und Detlev Greisner in der Rolle des Mittlers wirken wie Textlieferanten, die beziehungslos nebeneinander stehen.

Belebend

Belebend sind dagegen Guido Gallmann und besonders Eva Gosciejewicz. Die beiden poltern als Baron und Baronesse wie aus einer anderen Zeit in die Szenerie. Die angeschickerte Partylaune, die von diesen komischen Freidenkern mitgebracht wird, wirkt wie ein Staubwedel im Statuentempel.

Regieeinfälle sind ansonsten dünn gesät. Als Eduard in den Krieg zieht, um der Dreiecksgeschichte daheim zu entfliehen, gruppiert sich das Ensemble zum Gemälde. Wie bei Caravaggio verwandelt sich nun Ottilie in Salome und hält Eduards abgeschlagenen Kopf auf dem Tablett. Das ist ein kurzer inszenatorischer Versuch an einem ereignisarmen Abend.

Karten: 0421/ 365 33 33

Alle NWZ-Theaterkritiken unter: www.NWZonline.de/theater

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