Oldenburg Kann gut sein, dass Hendrik Vestmann gelesen hat, wie der Komponist Ferruccio Busoni sich seinen Kollegen Johannes Brahms im Himmel vorstellte: „Er hat sich in der deutschen Abteilung behaglich eingerichtet, ein paar Hörner an den Wänden, dazu eine Sammlung gebrochener Dreiklänge.“ Kann gut sein, dass der Oldenburger Generalmusikdirektor sich über diese Einschätzung amüsiert.

Wer nämlich Vestmann und das Staatsorchester im 6. Sinfoniekonzert im Großen Haus hört, erfährt vom ersten wuchtigen Bläsergedanken der 3. Sinfonie F-Dur an: Hier wird es für Brahms alles andere als gemütlich! Dirigent und Orchester schieben ein liebgewordenes altes Möbel hin und her. Doch sie behandeln es stets liebevoll.

Bei allem Schwung und Vorwärtsschreiten: Alle vier Sätze zeigen einen strukturierten Prozess von Werden und Vergehen. Der Musik bleiben ihre Geheimnisse, hier vor allem im dritten Satz, ihre ungreifbare philosophische Sphäre.

Die Bläsergruppen klingen klar gestaffelt, die Streicher packen ohne dicke Schwerfälligkeit zu, fein ausgetüftelt ist die Vielstimmigkeit. Wundervoll rätselhaft mündet alles in ein stilles Dur.

Auch das Violinkonzert D-Dur von Erich Wolfgang Korngold wird zum Erlebnis. Voilà, köstlich wird hier alter Wein in junge Schläuche gefüllt. Diese spätromantisch-tonale Musik von 1945 steht zwischen den Zeiten, zu altmodisch für die neue Avantgarde – aber süffig und schwelgerisch.

Solist Richard Lin (22) festigt inmitten gefühliger Filmmusiksequenzen, bunten Farbflächen und rhythmischem Raffinement die Strukturen mit grafischer Klarheit. Mit seiner frappierenden Technik rast der Preisträger beim Joseph-Joachim-Wettbewerb in Hannover dann auch direkt in den Beifall hinein. Bei einer Zugabe bedankt er sich beim Orchester: Eine Caprice von Henri Vieuxtemps spielt er im Duo mit Konzertmeister Lev Gelbard.

Die Fassung von „Fratres“ von Arvo Pärt für Streicher und Schlagzeug steht auch im Programm. Vestmann verpasst dieser Weihwasser-Musik im Quinten-Becken einige höhere Härtegrade.

Die Hörerschaft bleibt gespalten: Die einen finden den schlichten Cantus eingängig, die anderen banal. Wer erleben will, wie erfüllt leere Quinten klingen können, der höre die letzten 40 Takte der 15. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch. Gänsehaut-Musik.

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