Oldenburg „für das ‚radikale’!“, schrieb der Bauhaus-Gründer Walter Gropius am 29. Januar 1928 in konsequenter, bauhausüblicher Kleinschreibung in ein Oldenburger Gästebuch. Ernst Beyersdorff, Vorsitzender der Vereinigung für junge Kunst, und Walter Müller-Wulckow hatten Gropius (1883–1969) eingeladen, anlässlich der am Tag zuvor eröffneten Ausstellung „Neue Baukunst“ im Oldenburger Schloss einen Vortrag zu halten: „Der Schloßsaal – in seiner jetzigen Verunstaltung ein charakteristisches Gegenbeispiel guter Raumgestaltung – hat selten wohl soviel und so verschiedene Menschen vereinigt wie am Sonntag Mittag: vereinigt im Zeichen des Trägers der Dessauer Bauhausgedanken: Walter Gropius“, berichtete die damalige „Oldenburger Landeszeitung“ über den zuvor groß angekündigten Vortrag.

In seinem gut besuchten Vortrag über „Die Wurzeln der neuen Baukunst“ stellte Gropius wortgewaltig und mit Lichtbildern illustriert die Ideen der neuen „radikalen“ Baukunst des Bauhauses und der internationalen Moderne vor.

Glücksfall für Museum

Von Gropius in Oldenburg, seinem Vortrag oder dem vollbesetzten Schlosssaal anlässlich dieser Veranstaltung sind leider bislang keine Fotografien bekannt. Eine reich gefüllte Akte aus dem Nachlass der Vereinigung für junge Kunst dokumentiert jedoch die Vorbereitungen und das breite Presseecho der Veranstaltung. Neben vielen anderen Dokumenten, Fotografien und Drucksachen gehören die Unterlagen zu den zahllosen Archivalien von unschätzbarem Wert, die im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte derzeit zur Vorbereitung der Ausstellung „Neue Baukunst!“ gesichtet werden, die ab November im Landesmuseum zu sehen sein wird.

Der Gründungsdirektor des Landesmuseums, Walter Müller-Wulckow (1886–1964), war einer der einflussreichsten Vermittler der modernen Architektur. Er schrieb zwischen 1925 und 1932 vier Bücher zum Thema, die Bestseller wurden: 135 000 Exemplare wurden verkauft.

Vorausgegangen waren viele hundert Briefe an Architekten und Verbände, zahllose Besichtigungsreisen (nicht nur der Bauhaus-Moderne) und Treffen mit Architekten wie Walter Gropius, Paul Bonatz, Erich Mendelsohn und viele heute weitgehend vergessene Kollegen. Die Architekten wiederum schickten ihm Fotos, Pläne und Skizzen ihrer besten Bauten. Über 800 Fotos und mindestens ebenso viele Briefe haben sich erhalten – ein Glücksfall für das Museum.

Ab November zu sehen

Neben den wertvollen Originalen aus dem eigenen Bestand werden nun zusätzliche Exponate aus dem Bauhaus-Archiv und der Wiener Albertina die Ausstellung bereichern. Und wie bei der Ausstellung „Neue Baukunst“, die Gropius mit seinem Vortrag 1928 eröffnete, werden auch wieder Architekturmodelle die Bauten greifbar machen.

Nach der Präsentation in Oldenburg vom 10. November 2013 bis zum 23. Februar 2014 wird die Ausstellung im Bauhausarchiv Berlin gezeigt werden und damit den Weg in die noch von Gropius begründete Institution finden.

Zu den Autoren:Rainer Stamm  ist Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg, Claudia Quiring in dem Museum für das Projekt „Neue Baukunst!“ zuständig.
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