London Der in der Geschichtsschreibung oft überstrapazierte Modus des Konjunktivs spielt speziell bei Musikerschicksalen eine nicht selten tragische Rolle. Ohne Verben wie „wäre“, „hätte“ oder „könnte“ sähe die Welt der Stars und Sternchen heute sicherlich ganz anders aus.

Ein Beispiel: Hätte also AC/DC-Sänger Bon Scott in der Nacht zum 19. Februar 1980 nur ein Glas Whisky weniger getrunken, er wäre möglicherweise nicht 16 Stunden später tot im Auto seines Saufkumpans Alistair Kinnear aufgefunden worden. Und wäre Scott in jener schicksalhaften Nacht nicht von Kinnear in dessen Auto bewusstlos zurückgelassen worden, er hätte den exzessiven Alkoholmissbrauch der vorausgegangenen Kneipentour durchs bitterkalte London eventuell überlebt.

Und somit hätten AC/DC vier Monate später mit Scotts Nachfolger Brian Johnson vermutlich kein Werk unter dem programmatischen Titel „Back In Black“ (Zurück in Schwarz) veröffentlicht, inklusive Klassikern wie den Titelsong oder das unverwüstlich in Fußballstadien gespielte „Hells Bells“-Glockengeläut.

Heute ist „Back In Black“ mit 50 Millionen verkauften Einheiten das zweiterfolgreichste Album aller Zeiten. Platz eins belegt Michael Jacksons „Thriller“. Übrigens könnte auch Jackson noch leben, wäre er pfleglicher mit sich und seiner Gesundheit umgegangen. Der Konjunktiv kann so gnadenlos sein.

Zurück zu Bon Scott. Im Herbst 1974 ersetzte der sympathische Sänger bei AC/DC den nach Streitigkeiten gefeuerten Dave Evans. Scott, von der Natur mit einer unverwechselbaren Reibeisenstimme beschenkt, hatte in der wenige Monate zuvor gegründeten Band der Brüder Malcolm und Angus Young als Roadie gearbeitet.

Mit ihm als neuen Mittelpunkt einer hinreißenden Bühnenshow erkämpften sich AC/DC ein schnell wachsendes Publikum. „Unser allererstes Konzert in Europa gaben wir 1976 in einem kleinen Club namens ,Red Cow’ im Londoner Stadtteil Hammersmith. Bei Konzertbeginn waren nur vier Leute und ein Hund anwesend“, erinnert sich Angus Young. „Wir sollten an diesem Abend drei Sets á 45 Minuten spielen, und als wir das zweite Mal auf die Bühne kamen, war der Laden rappelvoll. Die vier Typen hatten alle ihre Freunde angerufen und denen gesagt: Kommt schnell vorbei, hier spielt eine unglaubliche Kapelle. Hier brennt die Hütte!“

Zu einem wahren Flächenbrand wuchs die AC/DC-Karriere ab Juli 1979 mit der Veröffentlichung ihres Rock-Klassikers „Highway To Hell“, dem letzten Album mit ihrem charismatischen Frontmann. Die Scheibe brachte der australischen Gruppe den weltweiten Durchbruch und Scott eine kultische Fanverehrung.

Allerdings auch die in diesem Metier durchaus förderliche Reputation als notorischer Partylöwe, der in kein Glas spuckt und kein alkoholisches Getränk schal werden lässt. „Wir sahen Bon über das Vorfeld des Flughafens rennen, ohne Schuhe, aber mit einer Flasche Jack Daniels in der Hand, die er morgens um acht schon zur Hälfte geleert hatte“, erinnern sich Journalisten, die AC/DC bei ihrem Auftritt auf dem Nürnberger Zeppelinfeld im September 1979 begleiteten, an ein für Scott nicht untypisches Szenario.

Fünf Monate später war Bon Scott tot. Die Karriere des trinkfreudigen Musikers endete am 19. Februar 1980, nachdem er wenige Stunden zuvor im Londoner Club „Music Machine“ das Konzert einer lokalen Band besucht und backstage reichlich hochprozentige Getränke konsumiert hatte. Das von seiner Whiskey-geölten Stimme diktierte „Highway To Hell“ wird die Welt aber wohl noch in 100 Jahren mitsingen. Und für eine solche Prognose braucht die Geschichtsschreibung keinen Konjunktiv, hier ist eher das optimistische Futur gefordert.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.