Oldenburg „Fliega!! Bind’ mich fest!!“ Der Jugoslawe schrie das nicht ohne Grund. Wenn er nicht an seinem Bett befestigt war, wurde es unschön – mit blutigen Folgen für ihn selbst und die anderen. Sagt der Pfleger. „Aber sonst wurde hier keiner fixiert“, beteuert er treuherzig. Ging es doch um seine „Pat-i-enten“. Thomas Lichtenstein gelingt es, diese widersprüchliche Mischung aus Empathie und Ignoranz in eine einzige Betonung zu legen.

Blankenburch, wie der Oldenburger sagt, ist kein Ort, an dem man sich ein Fünf-Sterne-Hotel vorstellen mag. Obwohl genau das derzeit in der Stadt diskutiert wird. Blankenburg ist ein unheilvoller Ort: In sechs Kilometer Entfernung wurde dort über Jahrhunderte hinweg, unter fragwürdigen Bedingungen, alles untergebracht, was man sich in der Stadt vom Halse halten wollte: Pestkranke, Sieche und Irre, Anormale im weitesten Sinne des Wortes, und am Ende Asylbewerber.

„Blankenburg“ ist auch ein ungewöhnliches Theaterprojekt, das eine verdrängte Geschichte ans Licht zerrt, informiert und obendrein bestens unterhält. „Reportage auf der Bühne“ nennt das die „werkgruppe2“ aus Göttingen, die sich aus Julia Roesler (Regie), Insa Rudolph (Musik) und Silke Merzhäuser (Dramaturgie) zusammensetzt. Der Text entstand aus mehr als 1000 Seiten Interviewmaterial.

Dass der Ort unter keinem guten Stern steht, hatte sich schon im Vorfeld gezeigt. Die Pläne des Oldenburgischen Staatstheaters, das Projekt im ehemaligen Kloster selbst umzusetzen, scheiterten am Investor, der dem Ort eine ganz neue Zukunft geben will.

Nun also die Uraufführung im Probenzentrum, im abgedunkelten Raum, in dem kreuz und quer die unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten verteilt sind – Hocker, Etagenbetten, Roll- und Toilettenstühle. Platz nehmen kann der Zuschauer, wo er möchte. Denn die Bühne ist vor, hinter und neben ihm, überall geschieht etwas, überall wird gesprochen. Dabei springen die sechs Protagonisten nicht nur von Szene zu Szene – schieben einige Zuschauer auch schon mal im Toilettenstuhl zum Abführtag –, sondern auch von Zeitebene zu Zeitebene.

Wie auf der Bohrinsel

Mal befinden wir uns in der Zeit des Nationalsozialismus, als mehr als 250 Patienten im Rahmen des NS-„Euthanasie“-Programms umkamen, darunter rund 80 Kinder. Die ständige Anwesenheit des Kinder- und Jugendchores, angezogen wie zu Omas Zeiten, macht also Sinn.

Dann wieder springt das Stück ans Ende des 20. Jahrhunderts, als Asylbewerber nach Blankenburg kamen. Antoine von der Elfenbeinküste ist eine dunkel angemalte Puppe, der Henner Momann radebrechend seine Stimme leiht, so gut, dass man ihn selbst glatt vergisst.

Kindheit in Blankenburg war wie auf einer Bohrinsel: isoliert, einsam – vor allem für die Kinder der Mitarbeiter, die sich aus Langeweile mit den Patienten „beschäftigten“. Franziska Schubert und Caroline Nagel erzählen distanziert, gefangen in ihrer Erinnerung an jene Zeit, die auch sie nicht unbeschädigt ließ. Imme Beccard als Michael (ebenfalls sehr eindrucksvoll), der mit 14 eingeliefert und immer wieder ruhig gestellt wird, sei es durch Medikamente oder Wassergüsse, ist immer dabei.

1988 wurde Blankenburg geschlossen, Reformärzte – im Stück Eike Jon Ahrens als sympathischer Gut-Mediziner – setzten der „Verwahrpsychiatrie“ mit ihren gewalttätigen Auswüchsen ein Ende. Die Frage bleibt, weshalb da vorher nie jemand hingeschaut hat.

Aber jetzt kann man hingucken. In „Blankenburg“. Unbedingt!


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Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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