OLDENBURG Illustre Namen gaben sich in Oldenburg die Ehre: Erich Kästner, Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Else Lasker-Schüler kamen zu Lesungen; die Architekten Walter Gropius, Bruno Taut und J. J. P. Oud referierten über das Neue Bauen, wogegen Mary Wigman und Gret Palucca den expressionistischen Tanz vorstellten und Paul Hindemith mehrere Gastspiele gab. Die „Vereinigung für junge Kunst Oldenburg“ unter der Leitung des Juristen Dr. Ernst Beyersdorff hatte das kulturelle Leben der Stadt zehn Jahre lang maßgeblich geprägt und entscheidenden Anteil an der Etablierung moderner Kunst in Oldenburg gehabt, bevor sie sich am 16. Mai 1933 auflöste, um einer Gleichschaltung durch die nationalsozialistischen Machthaber und weiteren Repressalien zu entgehen.

Nur 45 Zuhörer

Die Lesung Gottfried Benns, der an diesem Montag vor 125 Jahren geboren wurde, stellte einen letzten Höhepunkt in der Geschichte der Vereinigung dar. Schon die Ankündigung der Veranstaltung in den Oldenburger Nachrichten lässt den politischen Druck erahnen, unter dem die Avantgarde-Vereinigung bereits vor der tatsächlichen Machtergreifung der Nazis stand: „Bei der notwendigen Beschränkung, die sich alle kulturellen Vereine heute auferlegen müssen, dürfte der Abend einem um so stärkeren Interesse begegnen“, hieß es darin.

Tatsächlich folgten am 30. Januar 1933 nur 45 Personen dem Aufruf zur Lesung im Alten Gymnasium, im heutigen Prinzenpalais, wo Gottfried Benn aus seinem Essayband „Nach dem Nihilismus“ und dem von Hindemith vertonten Oratorium „Das Unaufhörliche“ las.

Auf die Zuhörer muss diese letzte öffentliche Lesung moderner Prosa in Oldenburg bis 1945 wie ein Abgesang gewirkt haben, marschierten doch auf dem Damm bereits die Fackelträger der SA.

Benn selbst blieb die Oldenburger Lesung in tragischer Erinnerung. Noch 1935 schrieb er angewidert an seinen Freund, den Bremer Kaufmann Friedrich-Wilhelm Oelze: „Sind Sie wieder in Oldenburg? Heute vor 2 Jahren war ich da, dieser denkwürdige Tag, dieses unabsehbare Datum; im Hotel am Bahnhof, an der Ecke, wo es zur Stadt geht, wohnte ich. Es war eine Perversität ohne Gleichen, dort hinzufahren u. vorzulesen!“

Veröffentlichungsverbot

Sollte die Oldenburger Lesung in der lokalen Presse noch durchweg positiv rezensiert werden und Benn sich zunächst den neuen Machthabern annähern, so wurde seine Haltung gegenüber den Nationalsozialisten nach 1933 immer ablehnender, was in einem Veröffentlichungsverbot mündete. Ernst Beyersdorff schließlich wurde aufgrund der jüdischen Wurzeln seiner Mutter aus allen öffentlichen Ämtern entfernt und verdingte sich zeitweise als Hausdiener.

Der Rückblick auf diesen denkwürdigen Abend, an dem beide im Prinzenpalais aufeinandertrafen, erhält daher einen melancholisch-bitteren Beigeschmack.

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