Oldenburg Manchmal liegen Geniales und Absurdes nah beieinander. So ein Stück ist „Übersee“, das jetzt im Oldenburgischen Staatstheater uraufgeführt wurde und lang anhaltenden Applaus erntete.

Ein Jahr lang hatte das Team um Autor und Regisseur Jan Neumann in Oldenburg Geschichten über das Auswandern gesammelt und daraus Figuren und Szenen entwickelt. Die fünf am Stück beteiligten und großartig agierenden Schauspieler (Henner Momann, Anna Steffens, Eike Jon Ahrens, Sarah Bauerett, Denis Larisch) brachten sich mit ein. Der Kooperationspartner „Freiheitsraum Reformation“ der Universität Oldenburg half bei der theatralen Recherche. Immer mit dem Ziel, aus heutiger Sicht zu verstehen, wo der Verlauf der Geschichte uns hingetragen hat.

Daraus hat Jan Neumann sein Stück geschrieben, das abseits ausgetretener Wohlfühl-Pfade mit starken Bildern daherkommt. Die Flucht im Jahr 1945 von Ostpreußen über das zugefrorene Haff ist so eines. Aus einem Lichtschacht wabern nur wenige Strahlen über die ansonsten dunkle Bühne im Kleinen Haus. Alles Hab und Gut, sämtliche Requisiten, sind festgezurrt zu Bündeln und aufgeladen auf alles, was fahrbar ist. Die Schauspieler ziehen und schleppen schwer, der Treck bewegt sich mühsam im Kreis. Denis Larisch berichtet, was damals geschah, erzählt vom Angriff der russischen Flieger, vom Eiswasser, von Angst und Tod.

Zum Regisseur

Jan Neumann, Autor und Regisseur des Stücks, wurde 1975 in München geboren. Er war zunächst Schauspieler. Seit dieser Spielzeit ist Neumann fester Hausregisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar. Seine Stücke entwickelt er im Team mit den Schauspielern. Am Beginn steht die Recherche, gefolgt von Improvisationen auf der Bühne.

Man muss dieses Stück aushalten können. Es ist nicht gefällig, überschüttet den Zuschauer zuweilen mit einer Flut aus Informationen über Geschichtsträchtiges, um ihn in anderen Momenten in Stille darben zu lassen. Berührende Momente wechseln mit komischen ab.

Von Dinosauriern über Martin Luther bis zur Reise ins Weltall geht es skurril über Patientenverfügung, Holocaust und Asylbewerber. Teils als komödiantische Stummfilm-Szene mit Übertexten und Klavierbegleitung, teils als pures Erzähltheater mit Gänsehautfaktor.

Aufgehängt hat Neumann seine historischen Episoden an einer sehr heutigen Rahmenhandlung, die zeitlos ist: Ein Vater liegt im Sterben, und die Kinder kloppen sich ums Erbe. Die Nachbarin pocht wehklagend auf ihren Anteil, und der angereiste Ossi-Cousin verbreitet gute Laune. Beim Entrümpeln des Elternhauses stoßen die fünf auf alte Geschichten, die wie ein Mosaik am Ende ein – leicht verschwommenes – Bild ergeben. Und man fragt sich: Ist das jetzt genial oder absurd? Und stellt fest: Theater kann beides. Und das ist gut.


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