Berlin Für ein paar Minuten ist der Kanzlerstuhl für Armin Laschet wieder zum Greifen nah. Um 10.55 Uhr kommt der gescheiterte Unionskanzlerkandidat hinter dem Pult des Bundestagspräsidenten ins Plenum. Bis zum verwaisten Platz von Angela Merkel sind es nur gut drei Meter. Doch anders als Wahlsieger Olaf Scholz wird für Laschet das Amt unerreichbar bleiben. Er hat so gut wie alles verloren. Seinen Ministerpräsidentenjob in NRW, bald wird er auch den CDU-Bundesvorsitz los sein.

Herz für Wahl-Verlierer

Erhalten hat sich der Aachener seine gute Laune. Zumindest wirkt es so bei der Eröffnungssitzung des 20. Deutschen Bundestages. Laschet plaudert lange mit dem Krefelder FDP-Finanzexperten Otto Fricke. Dass der Mensch Laschet über Parteigrenzen geschätzt wird, zeigt die Herzlichkeit, mit der ihn Claudia Roth begrüßt. Dann schlägt es 11 Uhr, und Laschet findet sich, nolens volens, in der zweiten Reihe wieder.

So wuselig, so eng war es im Bundestag noch nie. Fast bis zur letzten Minute wurde geschraubt und gebohrt, damit alle 736 Abgeordnete in der Herzkammer der Demokratie Platz finden. Weil die Parteien sich bislang nicht auf eine gescheite Wahlrechtsreform einigen konnten, hat Deutschland jetzt ein teures XXL-Parlament. Weltweit leisten sich nur die Kommunisten in China eine größere Volksvertretung. Dafür ist der Bundestag bunter und jünger geworden. 83 Abgeordnete haben einen Migrationshintergrund, 50 sind unter 30 Jahre.

Wegen Corona gelten für den Plenarsaal strenge 3G-Zugangsbeschränkungen. Alle Abgeordnete, die geimpft, genesen oder getestet sind, tragen ein schwarz-rot-goldenes Bändchen am Handgelenk. Knapp zwei Dutzend AfD-Parlamentarier, die sich verweigern, müssen auf einer der Besuchertribüne wie auf einer Strafbank sitzen.

Gelöste Kanzlerin

Die Noch-Kanzlerin und der Bundespräsident haben eine Ehrentribüne für sich. Merkel wirkt gelöst. Dabei ist es nach 16 Jahren für viele gewöhnungsbedürftig, dass die einst mächtigste Frau der Welt nicht auf der Regierungsbank zu sehen ist. Das liegt daran, dass Merkel nach 31 Jahren dem Bundestag nicht mehr angehört. Bis zur Wahl ihres Nachfolgers bleibt sie geschäftsführend im Amt. Oben tuschelt sie lächelnd mit Frank-Walter Steinmeier.

Wolfgang Schäuble ist neben Laschet einer der CDU-Wahlverlierer. Da die SPD stärkste Kraft geworden ist, muss er seinen sicher geglaubten Posten als Bundestagspräsident für die Sozialdemokratin Bärbel Bas räumen. Die Gesundheitsexpertin aus Duisburg erhält 576 von 724 gültigen Stimmen. Das entspricht 79,6 Prozent. Danach türmen sich am Platz der 53-Jährigen so viele Blumensträuße auf, dass der neben Bas sitzende Scholz kurz nicht mehr zu sehen ist.

Als Alterspräsident darf Schäuble immerhin die konstituierende Sitzung eröffnen – zum Unmut der AfD. Deren Ex-Fraktionschef Alexander Gauland ist nämlich 80 und damit ein Jahr älter als Schäuble. Doch schon vor vier Jahren hatte die große Koalition vorgebaut und die Geschäftsordnung dahingehend geändert, dass der dienstälteste Abgeordnete Alterspräsident wird. Ein AfD-Änderungsantrag dazu wird abgeschmettert. Als eine Art Vermächtnis schreibt Schäuble seiner Nachfolgerin und dem ganzen Hohen Haus ins Stammbuch, einen neuen Anlauf für eine Parlamentsverkleinerung zu machen.

Bas startet erfrischend in das Staatsamt. Anders als intellektuelle Vorgänger wie Schäuble, Norbert Lammert oder Wolfgang Thierse will sie für einen bodenständigen Bundestag eintreten, „Hass und Hetze sind keine Meinung“, sagt sie, was als Ermahnung an die AfD verstanden werden kann. Noch nie sei ein Kind aus Duisburg so weit gekommen, „das musste ich zwischendurch einmal loswerden“.

Neben ihr werden vier weitere Frauen als Vizepräsidentinnen gewählt: Claudia Roth (Grüne), Aydan Özoğuz (SPD), Yvonne Magwas (CDU), Petra Pau (Linke). Der AfD-Kandidat Michael Kaufmann erhält keine Mehrheit. Nur ein Mann schafft es ins Präsidium, der streit- und lebenslustige Liberale Wolfgang Kubicki. Ausgerechnet bei ihm unterläuft Bas ein kleiner Patzer. Sie vergisst Kubicki bei der Kandidatenaufzählung. Die neue Präsidentin aus dem Ruhrpott nimmt es gelassen: „Man(n) könnte fast meinen, dass sei Absicht!“, ruft sie lachend, um sich dann bei Kubicki zu entschuldigen.

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