Studien und Statistiken haben eines gemeinsam: Sie öffnen Interpretationen Tür und Tor. Der Stressreport, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vorgelegt hat, macht da leider keine Ausnahme. Wer schon immer der Meinung war, der Beruf mache krank, wird sich durch den neuen Report bestätigt sehen. Doch die Wirklichkeit bietet ein differenziertes Bild.

Tatsächlich ein Probleme ist der Anstieg der Krankmeldungen durch sogenannte Burn-out-Symptome oder durch psychische Krankheiten. Immer mehr Menschen wächst das Leben über den Kopf. Hier besteht Handlungsbedarf. Und da kranke Mitarbeiter in den Unternehmen fehlen, sind bei der Ursachenforschung und -bekämpfung auch die Arbeitgeber gefragt.

Fragwürdig ist aber das Verständnis von Stress in der Studie. Die Autoren bezeichnen damit das „Ergebnis eines Ungleichgewichts zwischen äußeren Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten“. Dass Arbeitnehmer unterschiedlich auf dieses „Ungleichgewicht“ reagieren, klammern die Autoren völlig aus. Dabei erleben nicht nur junge Berufstätige solche Situationen auch als Herausforderung, der sie sich gerne stellen. Denn aus der Bewältigung erwachsen Selbstbewusstsein und Anerkennung. Die Wissenschaft spricht von positivem Stress. Die Länge der Arbeitszeiten ist als Gradmesser für Stress untauglich. Denn Mitarbeiter sind nicht automatisch zufriedener, wenn sie weniger arbeiten, oder stärker gestresst, wenn sie länger arbeiten.

Ausgeglichene Mitarbeiter zeichnet aus, dass sie auf die Belastungen in der Arbeit – genauso wie in Familie und Freundeskreis – angemessen reagieren können. Die Fähigkeit, Ärger nicht mit nach Hause zu nehmen, lässt sich zu einem guten Teil trainieren – durch eine Streitkultur ebenso wie durch Entspannungsübungen. Wenn die Bundesarbeitsministerin Konsequenzen aus dem Report ziehen will, sollte sie bei der Förderung dieser Hilfen ansetzen.

Das subjektive Gefühl, im Stress zu sein, lässt sich nicht wegdiskutieren. Doch wer bei der Suche nach den Gründen die Arbeit zum Sündenbock stempelt, dürfte in den meisten Fällen die eigentlichen Ursachen ausblenden.

Christoph Kiefer Chefreporter / Reportage-Redaktion
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