Frage: Was empfinden Sie bei Ihrer Rückkehr an diesen historischen Ort nach 25 Jahren?
Seiters: Ich denke immer wieder zurück an die Freude und die Dankbarkeit damals. Es war ja ein ungewöhnlich emotionales Erlebnis. Herr Genscher und ich fliegen nach Prag und wissen, dass wir jetzt auf Menschen stoßen, die nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht und ob sie in die Freiheit können. Wir aber wissen, dass wir ihnen die Freiheit verkünden können. Ein wirklich emotionaler Moment!
Frage: Sie haben damals die Verhandlungen geführt, Genscher hat dann den Menschen die Freiheit verkündet. Bereien Sie, dass Sie damals nicht gesprochen haben?
Seiters: Ich hatte kein Problem damit, dass Herr Genscher auch in meinem Namen die Ausreisefreiheit verkündet. Er war langjähriger Vizekanzler und Außenminister, er war Hausherr in der Botschaft. Ich war gerade wenige Monate Kanzleramtsminister und jüngstes Kabinettsmitglied. Ich hatte damit keine Probleme.
Frage: Was hat bei den Verhandlungen mit der DDR den Durchbruch gebracht?
Seiters: Die harte und klare Haltung der Bundesregierung. Wir haben der DDR immer wieder klargemacht, wir schicken niemanden auf die Straße, ihr müsst das Problem selber lösen. Ihr steht vor einem großen „Geburtstag“ am 6./7. Oktober – 40 Jahre DDR. Wollt Ihr, dass dieser Geburtstag überschattet wird von diesen unsäglichen Bildern aus Prag, die das Ansehen der DDR jeden Tag schädigen? Und das Zweite, das wir denen gesagt haben war: Ihr wollt von uns finanzielle Hilfen. Wir sind dazu bereit, aber vor der Lösung der Flüchtlingsfrage gibt es keine D-Mark von uns.
Frage: Waren Ihre DDR-Verhandlungspartner nervös, aggressiv oder angespannt?
Seiters: Die Verhandlung in Ostberlin hat mir eine Riege von alten Männern gezeigt, die absolut realitätsfremd dachten und keine Ahnung hatten, was sich in ihrem Lande abspielte – oder sie taten so, als wüssten sie es nicht. Derjenige, der den größten Realismus hatte, war Alexander Schalck-Golodkowski.
Frage: Hatten Sie das Gefühl die wussten, dass es mit ihrem Staat zu Ende geht?
Seiters: Schalck-Golodkowski hat es gewusst. Er hat auch sehr offen geredet. Bei den anderen merkte man nur die Hilflosigkeit.
Frage: Wann haben Sie es die deutsche Einheit erstmals für möglich gehalten?
Seiters: Als die Mauer fiel, waren wir überzeugt, dass wir umschalten müssen zu einer exekutiven Politik, die irgendwann zur Wiedervereinigung führen würde. Aber wir haben in anderen Zeitläufen gedacht. Im Zehn-Punkte-Plan von Helmut Kohl Ende November ging es noch um konföderierte Strukturen und einen längeren Zeitraum. Wir haben erst am 19. Dezember an die Chance einer schnellen Wiedervereinigung geglaubt, als Kohl beim Staatsbesuch in Dresden vor Zigtausenden von DDR-Bewohnern sprach und die DDR-Führung sich verdrückte und ihn mit der eigenen Bevölkerung allein ließ. Da waren wir überzeugt, jetzt haben wir eine Chance.
Frage: Ging es dann nicht doch zu schnell? Besonders mit der Einführung der D-Mark?
Seiters: Erstens wollten die Menschen in der DDR die schnelle Einheit. Hätten wir ihnen diesen Wunsch abschlagen sollen? Zweitens: Der Strom der Übersiedler, der die DDR auszubluten drohte, hörte auch nach dem Fall der Mauer nicht auf. Er ebbte erst ab, als die Menschen mit dem Angebot der D-Mark eine Chance auf eine schnelle Wiedervereinigung sahen. Und schließlich verschlechterten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse von Woche zu Woche dramatisch. Hätten wir länger gewartet, wäre alles noch teurer geworden. Deswegen war es richtig, dass wir gehandelt haben. Wir müssen aber auch mit Demut und Bescheidenheit sagen: Wir hatten auch Glück.
Frage: Gorbatschow und Bush haben sich damals über die deutsche Frage geeinigt. Wie groß war ihr Anteil an der deutschen Einheit?
Seiters: Es hätte sicher die Wiedervereinigung nicht zu diesem Zeitpunkt und in dieser Geschwindigkeit gegeben, ohne die Politik von Perestroika und Glasnost, ohne die eindeutige unterstützende Haltung des US-Präsidenten, ohne die Ungarn und die Polen mit ihren Reformbestrebungen. Aber ich glaube auch, dass die Bundesregierung damals einen ganz wichtigen Anteil an dieser Entwicklung hatte, weil sie das Ziel der Einheit nicht aufgegeben hat und in dem Moment, als es eine Chance gab, diese auch ergriffen hat.
Frage: War das die Voll­endung der Ostpolitik Brandts?
Seiters: Die Union hatte sehr viel Misstrauen gegen Brandts Ostpolitik. Wir haben allerdings später auch gesagt, diese Politik von Brandt war in ihren Grundsätzen richtig. Und sie hat sicher auch später geholfen. Für mich ist Helmut Kohl natürlich der Vater der Einheit, aber Willy Brandt und Helmut Schmidt haben auch ihren Anteil. Schmidt zum Beispiel mit dem mutigen Nato-Doppelbeschluss.
Frage: Ist der innerdeutsche Ost-West-Konflikt heute erledigt?
Seiters: Ich glaube schon. Wenn sich in Umfragen 90 Prozent als „Gesamtdeutsche“ bezeichnen, finde ich schon, dass unser Volk zusammengewachsen ist. Schauen Sie sich die Wahlergebnisse an. Die extremen Kräfte haben auch in Ostdeutschland keine Chance. Ost- wie Westdeutsche wählen demokratisch.
Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Mitglied der Chefredaktion (Überregionales)
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