Frage: Ihr Buch behandelt auch ein schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis. Verstehen Sie sich mit Ihrer Mutter gut?

Kinkel: Ja. Ohne die emotionale und tatkräftige Unterstützung, die sie mir ein Leben lang gegeben hat, wäre ich wohl nie als Autorin erfolgreich geworden.

Frage: Haben Sie beim Schreiben Ihres Romans eine Antwort gefunden, warum jemand Terrorist wird?

Kinkel: Nein. Es gibt bestimmte emotionale und psychologische Muster, die öfter vorkommen. Und es gibt gesellschaftliche Konstellationen, die eine Radikalisierung begünstigen können. Aber letztlich sind wir alle Individuen, und jeder trifft seine Entscheidungen. Bei Martina, der Terroristin in meinem Roman, war es mir wichtig, dass ihre schrittweise Entwicklung vom harmlosen Schulmädchen bis zur Mörderin plausibel ist, dass man sie versteht, ohne sie zu entschuldigen.

Frage: Wie sind die ersten Reaktionen auf Ihr Buch nach dem Terror in Paris?

Kinkel: Leser weisen immer wieder darauf hin, dass mein Roman es schaffe, das eigentlich Unbegreifliche an der Radikalisierung eines jungen Menschen zum Terroristen verständlich zu machen. Ein Sachbuch sollte sich ja an Fakten halten und muss versuchen, die Emotionen auszuklammern. Da Terrorismus aber von Menschen gemacht wird, brauchen wir wohl die Romanform, um eben diese Menschen zu verstehen – ohne sie zu entschuldigen, damit es keine Missverständnisse gibt!

Frage: Ihr Buch ist nach Paris ungewollt aktuell?

Kinkel: Terrorismus ist irgendwo auf der Welt ja immer aktuell. Und in Deutschland haben in diesem Jahr bereits an die 500 Anschläge auf Asylbewerberheime stattgefunden – auch das ist für mich Terrorismus, die Täter sind Terroristen. Ich bin überzeugt, dass sich Terrorismus sehr oft über das Gefühl einer nicht ernst genommenen Jugend oder einer ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe entwickelt, mehr als über Ideologien oder Religionen. Gerade deshalb sehe ich meinen Roman auch als Anregung, sich zu fragen, wie solche Entwicklungen zustande kommen, und ob die Menschen, die dahinter stehen, wirklich so völlig anders als wir selbst sind.

Frage: Haben Sie für Ihr Buch mit ehemaligen RAF-Terroristen Kontakt gehabt?

Kinkel: Nein, weil ich danach wohl emotional nicht mehr neutral hätte sein können. Dagegen schon mit ehemaligen Sympathisanten. Natürlich war nicht jeder von ihnen bereit, über das Ausmaß seiner Unterstützung zu reden. Einige haben später den Weg zu den Grünen gewählt, auch das habe ich thematisiert.

Frage: Warum der Titel „Schlaf der Vernunft“ frei nach Goya?

Kinkel: Vollständig heißt der Titel von Goyas Radierung ja „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Die Frage nach dem Warum ist für Angelika, die Tochter der Terroristin, und, wie ich hoffe, für die Leser der rote Faden – wie konnte die Mutter einst zu einem Punkt kommen, an dem sie Mord für akzeptabel hielt? Es geht nicht nur um den deutschen Herbst 1977, sondern auch um das Jahrzehnt vorher.

Frage: Sie meinen die Revolte der 68er?

Kinkel: Ja, die 68er-Jugendrevolte, die sich nicht zuletzt als Reaktion auf die Nicht-Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit durch ihre Eltern verstand. Und dann gab es die fatale Reaktion des Staates auf die frühen, ja noch gewaltfreien Proteste, wie die Anti-Schah-Demonstration 1967 in West-Berlin. Die Vernunft hat bei vielen geschlafen – auf beiden Seiten der ideologischen Gräben.

Frage: Lassen sich die Terroristen der 70er und 80er Jahre überhaupt mit den heutigen Terroristen vergleichen?

Kinkel: Einer der Mitbegründer der RAF, Horst Mahler, ist heute bei der NPD. Und er besteht darauf, er habe sich nie verändert. Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel – er ist nicht mit mir verwandt – erzählte mir einmal, Jassir Arafats Ehefrau Suha habe ihn um die Begnadigung von Souheila Andrawes gebeten, der Terroristin, die an der Entführung der „Landshut“ beteiligt gewesen war. Herr Kinkel: „Aber sie ist eine reuelose Terroristin!“ Suha: „Das war mein Mann auch, und jetzt hat er den Friedensnobelpreis.“ Woran man sieht: Der Begriff Terrorismus hat viele Facetten.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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