Frage: Der Co-Pilot, der die Germanwings-Maschine zum Absturz gebracht hat, litt offenbar unter Depressionen und hatte bereits frühzeitig Suizidgedanken. Hätte er jemals wieder ein Passagierflugzeug fliegen dürfen?

Schubert: In solchen Fällen ist immer unter strengen Maßstäben eine fachliche unabhängige Begutachtung durchzuführen. Wir wissen nicht, ob das geschehen ist. Ein Autofahrer, der Depressionen hat, muss sich unmittelbar einer solchen unabhängigen, nach gesetzlichen Vorgaben und fachlichen Maßstäben durchzuführenden Untersuchung stellen, wenn behördlich begründete Zweifel an seiner geistigen und körperlichen Eignung bestehen. Beispielsweise sind für Bus- oder Taxifahrer ab einem gewissen Alter sogar regelmäßige Pflicht-Untersuchungen vorgesehen.

Frage: Es gibt doch für die Piloten die regelmäßigen Checks bei den Fliegerärzten. Die ärztliche Schweigepflicht darf aber nicht gebrochen werden. Wo genau liegt das Problem?

sCHUBERT: Im Straßenverkehr wird derzeit die Möglichkeit diskutiert, dass der Begutachter die Schweigepflicht brechen und Informationen an die Behörde weitergeben kann, wenn Gefahr für die Allgemeinheit und für das eigene Leben besteht. Das muss aber noch gesetzlich geregelt werden. Ähnliches könnte man sich für Piloten vorstellen. Die Behörde könnte eine Begutachtung veranlassen und trotzdem die Privatsphäre des Betroffenen schützen. Die Begutachtung muss aber unbedingt neutral sein. Alle Prüfsysteme müssen nach außen transparent sein und fachlicher und qualitativer externer Kontrolle unterliegen. Ein wirksames Qualitätsmanagementsystem muss zum Schutz aller – Passagiere wie Personal – vorhanden sein.

Frage: Was schlagen Sie vor?

sCHUBERT: Man sollte eine unabhängige Prüfinstanz für alle Verkehrsträger schaffen – für Piloten, Busfahrer, Lokführer und Schiffskapitäne. Wir brauchen einen medizinisch-psychologischen Dienst für das Verkehrswesen als Ganzes. Das würde die Chance bieten, medizinischen und psychologischen Problemen frühzeitig auf die Spur zu kommen. Ein solches System kann solche Katastrophen verhindern helfen.

Professor Wolfgang Schubert ist seit 1999 Erster Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie. Schubert studierte von 1970 bis 1974 Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Rasmus Buchsteiner Korrespondentenbüro Berlin
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