Mustafa Dogan ist ein gebürtiger Türke und lebt seit 40 Jahren in Nordenham. Er hat ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit und keinen türkischen Pass. Der 47-Jährige Facharbeiter ist in dem Nordenhamer Industrieunternehmen NKT beschäftigt und dort Betriebsratsvorsitzender. Der 47-jährige Familienvater engagiert sich in der Gewerkschaftsarbeit. Im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) leitet er als Vorsitzender den Kreisverband Wesermarsch. BILD: Norbert Hartfil

Frage: Herr Dogan, welcher Fußballnationalmannschaft drücken Sie die Daumen, wenn Deutschland gegen die Türkei spielt?

Mustafa Dogan: Deutschland. Zum einen, weil ich hier lebe und das mein Zuhause ist. Zum anderen, weil der deutsche Fußballsport ein tolles Instrument für eine gute Integrationsarbeit ist. In den Vereinsmannschaften spielen Fußballer aus allen Nationen.

Frage: Was empfinden Sie als gebürtiger Türke, wenn deutsche Zuschauer die türkischstämmigen Fußballer Mesut Özil und İlkay Gündoğgan auspfeifen? Ist das Rassismus?

Mustafa Dogan: Ich weiß nicht, ob das schon Rassismus ist. Aber es ist auf jeden Fall beleidigend und erniedrigend für die Spieler.

Frage: Lassen sich Sport und Politik voneinander trennen?

Mustafa Dogan: Ja, das muss auch voneinander getrennt werden.

Frage: Aber die Diskussion um Mesut Özil zeigt, dass es nicht geht...

Mustafa Dogan: Doch es funktioniert. Aber es kommt darauf an, was die Medien daraus machen.

Frage: Würden Sie sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen, wenn sich das zum Beispiel im Urlaub ergeben würde?

Mustafa Dogan: Er würde mich nicht dazu einladen. Aber unser Bundespräsident hat mich eingeladen.

Frage: Sie haben ein Treffen mit Bundespräsident Steinmeier?

Mustafa Dogan: Ja, ich bin zu dem großen Sommerfest für Ehrenamtliche in Berlin eingeladen. Darauf freue ich mich sehr.

Frage: Können Sie nachvollziehen, dass sich Özil und Gündogan zu einem Foto mit Erdogan aufgestellt haben?

Mustafa Dogan: Ja, klar. Ich finde das auch nicht befremdlich. Das Herkunftsland ihrer Eltern ist nun einmal die Türkei. Und Erdogan ist nun einmal der gewählte Präsident der Türkei. Das muss man akzeptieren. Ich hätte auch selber kein Problem damit, mich mit ihm fotografieren zu lassen. Das eine hat dem anderen nichts zu tun.

Frage: Aber Erdogan ist ein höchst umstrittener Politiker...

Mustafa Dogan: Das ist richtig. Aber was hat die Fußball-Legende Lothar Matthäus denn getan? Er hat sich mit dem russischen Präsidenten Putin und dem ungarischen Staatschef Orban fotografieren lassen. Die sind auch umstritten. Warum ist das nicht so hochgekocht worden? Über Matthäus regt sich kaum einer auf.

Frage: Sie machen Özil und Gündogan also keine Vorwürfe?

Mustafa Dogan: Der Zeitpunkt, als das Foto gemacht wurde, war sicherlich unglücklich. Aber dass daraus so ein großes Thema wurde, ist die Schuld der Medien. Das hängt auch mit dem Rechtsruck in der CSU und mit dem zusammen, was die AfD auf den Tisch bringt.

Frage: In der Özil-Debatte trauen sich viele Nationalisten an die Öffentlichkeit, die früher nur am Stammtisch ihre Sprüche geklopft haben. Nehmen die Rassismusprobleme in Deutschland zu?

Mustafa Dogan: Auf jeden Fall. Die Gesellschaft und die Politik sind nach rechts gerückt. Das ist ganz klar zu erkennen und jetzt sehr extrem. Vor zehn Jahren hätte es solche Diskussionen um Özil nicht gegeben.

Frage: Wie ist das zu erklären?

Mustafa Dogan: Die Hemmschwelle ist gesunken. Das hängt wohl auch mit dem Flüchtlingsthema zusammen, das die Rechten für sich ausnutzen. Dabei spielen auch die sozialen Medien, in denen Fake News ganz schnell verbreitet werden, eine große Rolle. Es gibt viel Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Die wird auf die beiden Spieler heruntergebrochen

Frage: Wie nehmen die türkischstämmigen Nordenhamer die Diskussion um Özil und Gündogan wahr?

Mustafa Dogan: Natürlich ist das auch bei uns ein Thema. Die Meinung überwiegt, dass Özil ein Bauernopfer ist und für die schlechte Leistung der Mannschaft herhalten muss. Wir hätten es uns gewünscht, wenn der DFB sich so verhalten hätte wie die Schweden und sich schützend vor ihren attackierten Spieler gestellt hätte, anstatt ihn auf das Schlachtfeld zu werfen und zuzusehen, was die Medien mit ihm machen.

Frage: Ist es berechtigt, dass Özil dem Deutschen Fußball-Bund jetzt Rassismus vorwirft?

Mustafa Dogan: Nein, das ist fatal. Damit liegt er völlig falsch. Das darf man auch nicht so im Raum stehen lassen. Gerade der Sport trägt sehr viel zur Integration bei. Besonders auch der DFB. Ich denke, dass der Rassismusvorwurf nicht von Özil selbst kommt, sondern von seinen Beratern.

Frage: Haben Sie Verständnis für seinen Rücktritt aus der Nationalelf?

Mustafa Dogan: Ja, aber nicht mit solchen Äußerungen. Sein Rücktritt aus Enttäuschung ist verständlich. Er fühlt sich ausgegrenzt

Frage: Ist zu befürchten, dass junge Fußballtalente mit türkischen Wurzeln sich nach diesen Vorfällen lieber für die türkische als für die deutsche Nationalmannschaft entscheiden?

Mustafa Dogan: Ich glaube schon. Für einige, die schwanken, ist das sicher eine Bestätigung, sich dem türkischen Verband anzuschließen.

Frage: Wie lässt sich die Integration wieder auf Kurs bringen?

Mustafa Dogan: Alle demokratischen Kräfte müssen zusammenhalten. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und deutlich machen, wie wichtig Vielfalt ist, und uns gegen jede Art von Rassismus wehren.

Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
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