Frage: Herr Bischof Ackermann, wie bewerten Sie das neue Vatikan-Dokument?

Stephan Ackermann

(57) ist Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz.

Ackermann: Das Dokument hebt sehr stark den Priester, insbesondere in der Rolle als Pfarrer, hervor. Ich bin irritiert darüber, dass vom Thema Missbrauch und Prävention keine Spur zu finden ist. Es kommt kein Problembewusstsein zum Ausdruck, dass Pfarreien Orte von sexueller Gewalt waren und sein können. Wie kann eine Kongregation, die für den Klerus zuständig ist, im Jahr 2020 ein Dokument verfassen, in dem darauf nicht einmal Bezug genommen wird? Gerade als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für diese Frage stört mich das.

Frage: Die Inhalte des Dokuments waren Ihnen nach Ihren Gesprächen in Rom in Grundzügen bekannt. Für Sie also keine Überraschungen?

Ackermann: Für uns kam es weniger überraschend als für andere Bistümer, wirft aber dennoch viele Fragen auf. In dem Dokument stehen Aussagen unverbunden nebeneinander. Manches weist klar nach vorne, etwa wenn es heißt, die Pfarrei soll nicht in Strukturen erstarren oder auch Menschen außerhalb erreichen. Beim Lesen habe ich mich aber schon gefragt, was von unseren Realitäten und unseren Schwierigkeiten, die wir in Rom vorgetragen haben, verstanden wurde. Mehrfach ist die Rede von einer Kreativität, die für die Weiterentwicklung des pfarrlichen Lebens gewünscht ist. Das ist gut. Aber wenn man weiterliest, hat man den Eindruck, dass für Kreativität wenig Spielraum bleibt. Der Ton des Dokumentes, vor allem im zweiten Teil, lädt nicht dazu ein. Vielmehr werden Möglichkeiten für Veränderungen stark eingeschränkt.

Frage: Was heißt das?

Ackermann: Die Verantwortung des Volkes Gottes wird betont – aber wie das über die bekannten Formen hinaus gelebt werden soll, bleibt vage und wird in den Möglichkeiten eher reduziert. Im Papier heißt es, die Kirche werde auch durch den Fortschritt des gesellschaftlichen Lebens bereichert. Da gehören für mich unsere demokratische Kultur und auch die Stellung der Frau dazu. Also: Es besteht für mich eine Diskrepanz zwischen einer durchaus ansprechenden Vision von Pfarrei als Ort des gelebten Evangeliums und den Hinweisen zur konkreten Verwirklichung. Papst Franziskus betont die Bedeutung der Synodalität und der Ortskirche. Dieses Anliegen erkenne ich in der Instruktion nicht. Im Gegenteil, ich sehe die Eigenverantwortung der Diözese und des Bischofs eingeschränkt. Natürlich werde ich im Dialog mit Rom bleiben – aber man muss die Dinge auch klar benennen.

Frage: Mit der Reform sind Bistum und Diözesansynode für eine neue Kultur von Kirche eingetreten, für Machtteilung, eine Aufwertung von Frauen und gegen Klerikalismus. Wird das durch die Instruktion unmöglich?

Ackermann: Es wird nicht unmöglich, aber die Instruktion setzt spürbar engere Grenzen – deutlicher noch, als es unsere Gespräche in Rom zuletzt erkennen ließen. Das Dokument ist da sehr prinzipiell. Andererseits bin ich zuversichtlich, dass sich mit Rom für die konkreten Situationen auch flexible Lösungen finden lassen. Und wir werden sicher nicht hinter einen Standard von Beteiligung zurückgehen, der schon lange Praxis ist. Wir bleiben auf der Spur in dem Sinne, dass wir die Anliegen der Synode in eine Realisierung bringen, die kirchlich ist. Nichts anderes hatten wir vor.

Frage: Um Macht, Sexualität und Missbrauch geht es auch bei den bundesweiten Reformgesprächen der katholischen Kirche. Wie soll es mit Blick auf das neue Vatikan-Papier mit dem Synodalen Weg weitergehen?

Ackermann: Wir gehen den begonnenen Weg weiter. Der Synodale Weg kann natürlich an der Instruktion nicht vorbeigehen und sicher wird das Dokument die Gespräche beeinflussen. Aber nicht in dem Sinne, dass wir nicht nach vorne denken müssen. Ich sehe das Papier nicht als Endstation. Es fordert vielmehr zu noch intensiveren Gesprächen mit Rom auf. Und zwar nicht nur von Seiten des Bistums Trier, sondern gemeinsam mit anderen Bistümern in Deutschland, die vor denselben Herausforderungen stehen wie wir.

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