Frage: Sie haben einen deutschen und einen britischen Pass und damit einen besonderen Blick auf das Brexit-Drama. Macht sich die britische Regierung nicht langsam lächerlich?
Katarina Barley: Boris Johnsons Kalkül ist, dass er durch den Brexit profitieren würde und vielleicht auch seine Partei. Er und seine Vorgänger haben die Interessen des Landes hintangestellt. Johnson will jetzt in die Geschichte eingehen als derjenige, der den Brexit „delivered“, der ihn liefert.
Frage: Wäre es dann nicht an der Zeit für ein zweites Referendum über den Brexit?
Barley: Wir brauchen ein zweites Referendum. Die Meinung vertrete ich schon seit Jahren. Beim ersten Referendum war niemandem klar, was der Brexit eigentlich genau bedeutet. Ob ein zweites Referendum wirklich kommt, ist noch lange nicht ausgemacht. Diejenigen, die nichts mehr fürchten als einen Verbleib der Briten in der EU, wollen dieses Referendum auf jeden Fall verhindern.
Frage: Sollte die EU den Briten einmal mehr mit einer Verlängerung der Brexit-Frist entgegenkommen?
Barley: Eine Verlängerung kann es nur mit einem konkreten Ziel geben. Der Brexit-Deal liegt jetzt auf dem Tisch. Das Unterhaus hat zugestimmt. Die Abgeordneten sollten jetzt ausreichend Zeit haben, das zu prüfen, um dann die Verfahrensschritte einzuleiten. Es wird mit Sicherheit eine Verlängerung gewährt werden, allerdings nur eine relativ kurze. Es wird wohl einen Aufschub von drei Monaten bis Ende Januar geben. Wenn der Brexit allerdings vorher beschlossene Sache ist, wäre der Austritt auch vorher möglich.
Frage: Wäre ein Ende mit Schrecken nicht allemal besser als ein Schrecken ohne Ende?
Barley: Das sehe ich anders. Es geht hier um eine Entscheidung von historischer Tragweite, um das künftige Verhältnis zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Das wird Millionen Menschen ganz persönlich und nachhaltig betreffen. Wenn in Zukunft die nachfolgenden Generationen auf uns heute zurückschauen, ist es völlig egal, ob der Brexit nun ein paar Monate früher oder später war. Wichtig ist ein vernünftiges Ergebnis. In einem Jahr wird dieser quälende Prozess bereits wieder vergessen sein. Natürlich nervt uns das alle. Was hier aber passiert, ist von einer solchen historischen Tragweite, dass man da sorgfältig handeln muss.
Katarina Barley  (50/SPD) ist Vizepräsidentin des EU-Parlaments.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.