Frage: Herr Wiesinger, Sie waren 17 Drehtage lang Bundespräsident Christian Wulff. Wie hat sich das angefühlt: wichtig und bedeutend? Oder eher getrieben und verzweifelt?

Wiesinger: Ich habe das erlebt als unglaubliche Machtlosigkeit. Man möchte die Fäden halten und muss hilflos zusehen, wie sie einem aus der Hand genommen werden.

Frage: Hat die Rolle Ihren Blick auf Christian Wulff und die Vorgänge im Winter 2011/2012 verändert?

Wiesinger: Sie hat den Blick darauf geschärft: Es hat schon etwas sehr Bedenkliches, wie Menschen da miteinander umgegangen sind. Was nicht heißt, dass ich Wulff freisprechen will; ich will das gar nicht bewerten.

Frage: Wie spielt man eine Person der Zeitgeschichte, die wir immer noch regelmäßig in den Nachrichten sehen?

Wiesinger: Das war für uns ganz klar definiert: Wir sollten die Figuren interpretieren, nicht imitieren. Durch Kostüme und Masken haben wir zwar gewisse Ansätze von Ähnlichkeit geschaffen, damit die Figur für den Zuschauer erkennbar ist. Aber wir versuchen, in der Wahrhaftigkeit der Situation ihr Gefühl nachzuleben, nicht ihr Verhalten.

Frage: Christian Wulff hat jede Mitarbeit an dem Film abgelehnt. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Wiesinger: Ich habe alles gelesen, was es dazu zu lesen gab. Ich habe mir viel dokumentarisches Material angesehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Ich als Kai bin ja ganz weit weg von Christian Wulff: Ich bin wie ein Schwamm, wenn man da drauf drückt, kommt alles raus. Aber Wulff ist so unglaublich gefasst, fast kühl.

Frage: Gab es eine Situation, von der Sie als Kai sagen: Da hätte sich Wulff anders verhalten müssen?

Wiesinger: Nee, für solche Fragen bin ich kein Fachmann. Inzwischen habe ich aber interessante Thesen von Medien-Experten gehört, die sagen: Wulff hätte vielleicht eine Chance gehabt, wenn er Sympathien für das Private gewonnen hätte. Was bedeutet das für einen Menschen, wenn er solche Fragen unterhalb der Gürtellinie gestellt bekommt? Was macht das mit ihm?

Frage: Stattdessen hat Wulff fast nur juristisch argumentiert – ein Fehler, meint zum Beispiel der Journalist Jan Fleischhauer, der am Drehbuch mitschrieb. Zurzeit läuft in Hannover der Versuch, die Affäre Wulff juristisch aufzuarbeiten – ist der Wulff-Prozess ebenfalls ein Fehler?

Wiesinger: Ich glaube, dass man in einem Rechtsstaat bestimmte Schritte gehen muss. Aber inzwischen ist es ein absurder Weg geworden.

Frage: Was kann das Doku-Drama „Der Rücktritt“ zur Aufarbeitung der Affäre beitragen?

Wiesinger: Wir Künstler haben die Aufgabe, Fragen an die Gesellschaft zu stellen. Wie war das Gefühlsleben dieser Menschen hinter den Türen, wo keine Kamera dabei gewesen ist? Wie würde ich mich an ihrer Stelle fühlen? Aber auch: Ist es das wert, dass wir uns so gegenseitig behandeln?

Frage: Hat sich durch Ihre 17 Tage als Christian Wulff auch Ihr Blick auf die Medien verändert?

Wiesinger: Ich habe mich ja immer schon mit Medien auseinandergesetzt, weil meine Eltern beide Journalisten sind. In diesem Fall liegt die Verantwortung für die Geschehnisse nicht nur bei Christian Wulff und den Medien – die Stimmung im ganzen Land hat dazu beigetragen. Es hätte viele mediale Auswüchse nicht gegeben, wenn das nicht auch getragen worden wäre von einem breiten Teil der Bevölkerung.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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