Frage: Herr Abdel-Samad, Sie werden von Islamisten wegen Ihrer Arbeit mit dem Tod bedroht – wie geht es Ihnen?
Abdel-Samad: Das Ganze wirkt immer noch surrealistisch. Ich versuche, die Gedanken zurückzudrängen, dass es eine tatsächliche Bedrohung gibt. Aber ich werde dadurch erinnert, dass ich Personenschutz um mich habe. Ich versuche, mein Leben so normal zu leben, wie es geht, versuche, meine Termine wahrzunehmen. Aber sicherlich muss ich jetzt mehr aufpassen als vorher. Ich erwische mich auf der Straße dabei, rechts und links zu schauen. Das ist ein Gefühl, das ich nicht mag. Ich liebe die Freiheit, ich will mich frei bewegen und will mich von dieser Geschichte nicht beeindrucken lassen.
Frage: Es sieht aus, als würde der Islamismus immer radikaler – warum?
Abdel-Samad: Weil der Islamismus seine Schwächen entdeckt. Die gewalttätige Radikalisierung ist kein Ausdruck von Stärke der Islamisten, sondern der Schwäche. Sie spüren, dass sie die Massen nicht mehr mobilisieren können, deshalb setzen sie auf Gewalt. Das macht die Islamisten aber nicht weniger gefährlich. Ein alter verletzter Löwe, der seine letzte Schlacht kämpft, ist auch ein gefährlicher Löwe.
Frage: Hat der Islamismus also keine Zukunft?
Abdel-Samad: Ich gebe dem Islamismus noch 20 Jahre, dann hat er keine Chance mehr. Es gibt zwei Motoren, von denen der Islamismus lebt: der Hass gegen den Westen und Erdöl, Petrodollars. Das sind die zwei Energiequellen des Islamismus. Sie werden irgendwann versiegen. Für die jungen Menschen in der arabischen Welt ist die antiwestliche Rhetorik nicht mehr maßgebend für ihre Identität. Sie wissen mehr über die Welt, als die Islamisten ihnen erzählen. Das Gegengewicht wächst: eine Generation, die kritisch denkt, die keine Bevormundung akzeptiert, die gegen die Autoritäten vorgeht, auch wenn es religiöse Autoritäten sind.
Frage: Werden Sie je wieder nach Ägypten reisen können?
Abdel-Samad: Akut nicht – aber wenn eine neue Regierung da ist und ich in ein Land reise, in dem die Rechtstaatlichkeit hergestellt ist und ich mich auf Polizei und Justiz verlassen kann. Es ist mein Land. Ich habe mehr Anspruch auf dieses Land als die Islamisten. Deswegen werde ich ihnen auch das Land nicht überlassen.
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