Nicht bloß Antworten sollten Kinderbücher nach Ansicht von Dr. Mareile Oetken geben. Und sie müssen weder zwingend realististisch noch pädagogisch motiviert sein, sagt die Oldenburger Germanistin.

Frage: Frau Oetken, mindestens 90 Prozent aller Kinderbücher sind überflüssig. Das hat zumindest kürzlich der Autor Walter Moers in einem Interview behauptet. Würden Sie ihm zustimmen?

Oetken: Nein, sicher nicht. Im vergangenen Jahr gab es 7857 kinder- und jugendliterarische Neuerscheinungen publiziert worden. Es gibt jedes Jahr Tausende Neuerscheinungen. Vieles erledigt sich von selbst, nur weniges bleibt. Insofern hat er recht. Aber es gibt auch viele Kinderbücher mit Relevanz. Da hat Walter Moers einfach nicht genau genug geguckt.

Frage: Wie sollen denn aber Eltern aus dem riesigen Angebot das Richtige auswählen?

Oetken: Man muss vielleicht einen Schritt zurückgehen: Eltern haben ja ihr Kind vor Augen, haben es also einfacher als etwa ein Verlag. Vorwissen, Kompetenz, Interessen – das variiert natürlich sehr und spielt bei der Auswahl eine Rolle. Wie Erwachsene auch sind Kinder sehr individuell. Man muss sich erst einmal darüber Gedanken machen, warum man überhaupt liest, was das Faszinierende am Lesen ist. Die Motivation kann Unterhaltung sein, Komik oder auch Spannung.

Frage: Welche Bücher würden sich denn Kinder selber kaufen?

Oetken: Bücher werden heutzutage immer auch vor dem multimedialen Hintergrund rezipiert. Deshalb kommen Kinder häufig mit literarischen Stoffen nicht zuallererst über das Buch in Kontakt, sondern über andere Medien. Schon da lassen sich Hinweise darauf finden, was sie interessiert. Im Übrigen hat sich in den Vorlieben gar nicht so viel verschoben: Immer noch sind es Abenteuer, gern auch mit fantastischem Hintergrund, dann Tiergeschichten, Märchen, Sagen, Fantastik. Sachbücher liegen bei Jungen sogar schon an zweiter Stelle.

Frage: Kann man sich bei der Auswahl an festen Kriterien orientieren? Wie unterscheidet man Qualität von Ramsch? Urteilt man nach dem Äußeren oder nach dem Klappentext? Da tut sich manch ein Erwachsener vielleicht schwer.

Oetken: Natürlich sind es die Themen, die bei Kindern hip sind. Ein gutes Kinderbuch soll gut unterhalten oder bereichern. Aber was den einen unterhält, fasziniert einen anderen gar nicht. Das ist bei Erwachsenen nicht anders. Insofern hilft das nicht weiter.

Frage: Also

Oetken: Erwachsene tun sich mitunter auch schwer, Bücher für sich selbst oder für Freunde auszuwählen. Aus wenigen Information muss man auf das ganze Buch schließen. Und das soll auch noch mit den Interessen des Kindes übereinstimmen. Grundsätzlich gilt: Gute Bücher müssen nicht so viele Antworten geben, Bücher müssen Fragen stellen. Das bedeutet, dass sich nicht immer alles erschließt, das Buch darf auch Rätselhaftes oder Irritierendes enthalten, das zum eigenen Denken, zum Weiterspielen, Malen und zum Gespräch auffordert. Der Blickwechsel ist ein wichtiges Kriterium. Ein gutes Buch sollte an den Lebensalltag und die Erfahrungen von Kindern anknüpfen, ohne zwingend realistisch zu sein. Es muss auch nicht unbedingt pädagogisch motiviert sein. Das können Klassiker genauso gut wie aktuelle Texte.

Frage: Können Sie einmal ein konkretes Beispiel geben?

Oetken: Jetzt gerade hatte ich tolles Bilderbuch in der Hand: „Ketchup für die Königin“ von Rutu Modan (Kunstmann Verlag), aus dem Israelischen übersetzt von Mirjam Pressler. DarinOetken: Unter Umständen schon, obgleich man sich nicht immer darauf verlassen kann. geht es um ein kleines Mädchen, das am Tisch mit der Familie sitzt und sich beim Essen völlig danebenbenimmt. Der Vater regt sich auf und sagt: Stell Dir mal vor, die Queen von England lädt Dich zum Essen ein. In diese Alltagshandlung kommt ein fantastischer Bruch: Nachdem ein livrierter Diener eine Einladung der Queen überbracht hat, sieht man das Mädchen beim Dinner am Hof, wo sie ihre schlechten Manieren damit begründet, dass ihr das Essen so besser schmeckt. Am Ende essen alle ihre Spaghetti mit der Hand. Am allerbesten kann das natürlich die Queen.

Frage: Das wäre für mich ein Zeichen für Qualität.

Frage: Das klingt ja ziemlich subversiv.

Oetken: Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Bilderbuch an den Alltag anknüpft, wie aber auch ein überraschender Perspektivwechsel vorgenommen und hintergründig argumentiert wird. Das ist komisch, hat Spannung und Hintersinn.

Frage: Aber ist es nicht die Hauptsache, dass Kinder überhaupt ein Buch in die Hand nehmen?

Oetken: Selbstverständlich. Dabei lesen Kinder heutzutage ganz viel: 20 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen sind heute schon im Internet. Es ist nicht so, dass gar nicht mehr gelesen wird. Doch es ist notwendig, sie an Bücher heranzuführen.

Frage: Sind Sie da optimistisch?

Oetken: Mir macht Sorgen, dass die Schere so weit auseinanderklafft. Dass es viele Kinder gibt, die vorbildlich gefördert werden und den Weg zu Büchern finden. Aber dass es zugleich so viele Kinder gibt, die keinerlei Unterstützung erfahren, bei denen es aus vielerlei Gründen nicht möglich ist, eine Faszination für Bücher zu vermitteln.

Frage: Da müsste man sich etwas einfallen lassen  . . .

Oetken: Auch dazu gibt es ein empfehlenswertes Buch: „59 Gründe, Bücher zu lieben, auch wenn Du Lesen hasst“, für Kinder und Erwachsene, gerade neu im Prestel Verlag erschienen. Das finde ich super. Zu den 59 Gründen gehört etwa, „dass Du niemals die Fernbedienung verlierst und Dir nie einen Virus einfängst“.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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