Frage: Die türkische Lira ist wegen der neuen US-Sanktionen im freien Fall. Steht das Land vor der Pleite?

Fratzscher: Die Türkei steckt in einer sehr ernsten Krise, und zwar mit Ansage. Das Land ist nicht durch die neuen Sanktionen in die Schieflage geraten. Schuld an der Misere ist Präsident Erdogan. Er hat die Staatsausgaben aus politischen Gründen in die Höhe getrieben. Die Zinsen sind zu niedrig. Die Folge ist die massive Verschuldung und ein extremes Handelsdefizit. Inländische und ausländische Investoren machen jetzt nicht mehr mit und ziehen Kapital ab. Hinzu kommt, dass die Bankenregulierung versagt hat. 40 Prozent der Wirtschaftsleistung sind über Privatbanken in ausländischer Währung, vor allem Euro und US-Dollar, finanziert. Die Abwertung der Lira hat katastrophale Folgen. Eine gigantische Pleitewelle von Unternehmen und Banken könnte bevorstehen.

Frage: Dafür ist Erdogan nur indirekt verantwortlich, oder?

Fratzscher: Das ist der verheerendste Fehler. Er zerstört Institutionen, will der Zentralbank die Zinspolitik vorschreiben und macht seinen Schwiegersohn zum Finanzminister. Türkische Investoren haben vor Jahren begonnen, aus dem Land zu fliehen. Erdogan legt die Axt an die türkische Volkswirtschaft.

Frage: Die USA dürfte ein wirtschaftliche Niedergang Ankaras kalt lassen. Aber was kommt auf Europa zu?

Fratzscher: Erdogan wird die Europäer und vor allem Deutschland brauchen, um die Krise einzudämmen. Es gibt eine gefährliche gegenseitige Abhängigkeit. Erdogan wird versuchen, die hausgemachten Probleme zu nutzen, um externe Konflikte anzuheizen. Konkret: Ankara wird damit drohen, den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen und seine Grenzen für Migranten zu öffnen. Die EU ist gefangen. Brüssel und Berlin dürfen sich aber nicht erpressen lassen, sondern müssen darauf bestehen, dass Erdogan wieder zu einem verlässlichen Partner wird.

Frage: Würde eine Pleite Ankaras die Schuldenkrise in Europa wieder anheizen?

Fratzscher: Es gibt keine akute Ansteckungsgefahr. Spanische Banken haben 80 Milliarden Euro an Investitionen, bei Frankreich und Italien sind es zwischen 20 und 35 Milliarden Euro. Das ist nicht wenig, aber hat auch kein dramatisches Ausmaß. Die Risiken sind begrenzt. Beim Handel und bei Direktinvestitionen ist das Volumen zu gering, um eine Schieflage auszulösen. Das größte Risiko für die EU ist nicht wirtschaftlich, sondern politisch.

Prof. Marcel Fratzscher  (47) ist Ökonom und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Tobias Schmidt Korrespondentenbüro Berlin
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