Frage: Herr Gauck, an diesem Freitag begehen Sie Ihren 80. Geburtstag. Wie geht es Ihnen?
Gauck: Meine körperliche und psychische Gesundheit ist gut, ich bin darüber froh und dankbar.
Frage: Und wie geht es Ihrer Einschätzung nach dem Land?
Gauck: Das Land sollte gelegentlich in seine Geschichte schauen, sich die Höhen und Tiefen anschauen und sich dann fragen, warum es sich nicht besser fühlt. Die Deutschen neigen zu einer gewissen Verdrießlichkeit. Wir könnten auch manchmal Erntedank feiern für das, was uns in den zurückliegenden 70 Jahren gelungen ist. Das vergessen wir gelegentlich.
Frage: 30 Jahre Mauerfall vergangenes Jahr waren vor allem mit positiven Emotionen verbunden. Müssen wir bei den Feiern zu 30 Jahren Deutscher Einheit nun kritischer fragen, was schiefgelaufen ist zwischen Ost und West?
Gauck: Das ist ja reichlich geschehen. Man kann über manche Unzulänglichkeit sprechen. Ich weiß, wie schwer der Wandel für die Ostdeutschen war und wie bitter für viele etwa Zeiten von Arbeitslosigkeit. Bei genauem Hinsehen aber ist zum Beispiel die Arbeit der Treuhand nicht so kritikwürdig, wie von manchen dargestellt. Das Tempo des Vereinigungsprozesses hat manches Problem gebracht. Unsere Psychen brauchen Zeit für Veränderungen. Aber es gibt politische Situationen, da existiert der Zeitfundus nicht. Das war 1989/90 der Fall. Die Menschen in der DDR waren aus verständlichen Gründen ungeduldig. Sie wollten schnelle Veränderungen, auch schnell die D-Mark. Sie hätten keine Geduld gehabt mit längeren Experimenten oder langjährigen Erprobungsphasen. Die spätere Klage, es sei alles zu schnell gegangen, übersieht die damalige Dynamik durch die Erwartungen großer Bevölkerungsgruppen im Osten. Wenn man bei all dem ehrlich ist, wird man sehen, dass unter diesem Zeitdruck das meiste so entschieden wurde, wie es die Mehrheit wollte – und so, dass eine Mehrheit der Betroffenen auf lange Sicht ganz gut klargekommen ist.
Frage: Täuscht der Eindruck, dass sich die innere Einheit eher wieder fragiler darstellt in den zurückliegenden Jahren?
Gauck: Diesen Befund teile ich. Es gibt eine fragilere Haltung großer Bevölkerungsschichten gegenüber der Ordnung, in der sie leben. Das gilt auch für die Akzeptanz der liberalen Demokratie. Viele europäische Länder sind geprägt von Erfolgen nationalpopulistischer Gruppierungen. Es existiert eine Neigung, Politik möge bitte einfacher sein. Dazu gibt es eine Melange von Ängsten, die Leute in der aktuellen Situation geprägt von Europäisierung, Globalisierung und rasanter technologischer Innovation miteinander teilen. In solchen Lebensphasen sind große Gruppen der Bevölkerung geprägt von einer Furcht vor der Moderne. Viele sind dann so frustriert, dass sie nach Rechtsaußen abdriften. So lässt sich der Erfolg von Populismus und Retro-Politik bei vielen als Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Beheimatung im Vertrauten erklären.
Frage: Noch eine persönliche Frage: Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?
Gauck: Es wird ein Fest mit Musik und einigen Reden geben. Irgendwann werde ich todmüde ins Bett fallen und hoffentlich noch Zeit finden für ein Dankgebet.
Joachim Gauck,  der an diesem Freitag 80 Jahre alt wird, war von 2012 bis 2017 der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Zu DDR-Zeiten war Gauck evangelisch-lutherischer Pastor. Nach der Wende war er von 1990 bis 2000 Beauftragter für die Stasi-Unterlagen.

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