Frage: Herr Yeginer, Ihre Karriere führt Sie wieder in den Norden: 2008 haben Sie dem Oldenburgischen Staatstheater nach 20 Jahren den Rücken gekehrt, um Schauspieldirektor in Pforzheim zu werden. Dann folgte ein Schauspielengagement in Mainz. Was verschlägt Sie nun ans Hamburger Ohnsorg-Theater?
Yeginer: Für mich war klar, dass ich nach meiner Arbeit in Pforzheim, obgleich sie sehr erfolgreich war, keine weitere Leitungsfunktion mehr übernehmen wollte. Da ich in den vergangenen drei, vier Jahren regelmäßig in Hamburg inszeniert habe, wurde der Chef des Ohnsorg-Theaters, Michael Lang, auf mich aufmerksam und schlug mir vor, zur Spielzeiteröffnung im August 2017 „Romeo und Julia“ zu inszenieren. Noch während der Probenzeit und ohne mein Wissen hat mich der derzeitige Oberspielleiter, Frank Grupe, bei der Leitung als seinen Nachfolger vorgeschlagen.
Frage: In diesem Sommer starten Sie nun als Oberspielleiter in Hamburg. Zugleich arbeiten Sie weiterhin als Schauspieler unter Markus Müller, der seit seinem Weggang aus Oldenburg die Intendanz am Staatstheater Mainz innehat. Wie geht das?
Yeginer: Die beiden Intendanten habe meine Verträge aufeinander abgestimmt, so dass es funktioniert. Ich werde in Mainz künftig viel weniger spielen. Am Ohnsorg-Theater habe ich inzwischen meine zweite Inszenierung auf die Bühne gebracht, auch damit das Publikum mich schon einmal kennenlernen konnte. Ich bin völlig begeistert von allen Aufgaben und habe Energie ohne Grenzen.
Frage: Und seit wann können Sie Plattdeutsch?
Yeginer: Schon immer. Ich bin ja auf dem platten Land großgeworden, in Pinneberg und in Hamburg. Außerdem hatte ich sieben Jahre lang ein Engagement in Kiel. Mit der Sprache bin ich aufgewachsen. Ich verstehe sie zu 100 Prozent. Das Sprechen dagegen ist etwas problematisch, aber ich lerne es gerade.
Frage: Was nehmen Sie sich für das Ohnsorg-Theater vor? Wollen Sie am Image arbeiten?
Yeginer: Schon unsere Vorgänger haben ja versucht, das Image zu entstauben. Das findet sukzessive seit den 1960er Jahren statt. Auch meine „Romeo und Julia“-Inszenierung ist nicht alltäglich: Ich habe die Handlung in den Zirkus verlegt, wo eine Immigranten-Patchwork-Familie auf eine niederdeutsche Artisten-Familie trifft. Mit Begrifflichkeiten wie Volkstheater, Bauerntheater oder Regietheater kann ich nicht viel anfangen. Es gibt nur gutes und schlechtes Theater. Wichtig ist, dass wir unsere erdverwachsenen Zuschauer von der Scholle nicht verlieren, dass sie, wenn Ohnsorg draufsteht, auch Ohnsorg bekommen.
Frage: Das klingt, als hätten Sie doch wieder eine Leitungsfunktion übernommen.
Yeginer: Aber ich habe noch jemandem über mir! Zu dem kann ich immer sagen: Michael, Du bist der Chef, Du entscheidest das jetzt. Das hat den enormen Vorteil, dass ich nur einen Ansprechpartner habe, mit dem ich mich obendrein hervorragend verstehe. Durchsetzen beim Ausschuss, durchsetzen in der Politik oder beim Verwaltungsdirektor, Geld eintreiben, ellenlange Berichte schreiben – das wollte ich mir nicht mehr antun. Hier habe ich den Michael, den ich sehr schätze, dort den Markus, den ich ebenso mag. Damit habe ich eine Superluxusposition und kann beides machen: spielen und inszenieren. Und auch noch schreiben.
Frage: In einem früheren Interview hatten sie angekündigt, irgendwann nach Oldenburg zurückzukehren – dann aber als Intendant. Das war ein Scherz, oder?
Yeginer: So scherzhaft war das gar nicht. Zu einer Hochzeit gehört allerdings immer auch eine Braut. Um die will ich aber nicht werben, weil ich das Gefühl habe, als Bräutigam selbst attraktiv genug zu sein. Das rückt zwar immer in weitere Ferne, die Wahrscheinlichkeit wird auch immer geringer, aber damals war das durchaus ernst gemeint. Oldenburg empfinde ich auch heute noch als meine eigentliche Heimatstadt.
Frage: Obwohl Sie sich im rheinland-pfälzischen Oppenheim so wohl fühlen. Was gefällt Ihnen an der Stadt?
Yeginer: Oppenheim hat mich erstens sehr stark an Oldenburg erinnert, zweitens ist das Klima besser. Die familiäre Atmosphäre, die ich aus Oldenburg kenne, ist mir in Oppenheim wiederbegegnet. Ich habe jetzt aber auch in Hamburg eine Wohnung.
Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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