Frage: Herr Schilder, vor 20 Jahren gelang es beim Kölner G8-Gipfel, einen ambitionierten Prozess zur Reduzierung der Schuldenlast hochverschuldeter armer Länder (HIPC) in Gang zu setzen. Die Schuldenerlass-Initiative gilt heute als Meilenstein in der globalen Entwicklungspolitik. Teilen Sie diese Sichtweise?

Schilder: Beim Blick auf die Zahlen ergibt sich in der Tat eine Erfolgsgeschichte. Der eigentliche Startschuss für die sogenannte HIPC-Initiative fiel ja bereits 1996, die entscheidende Weichenstellung erfolgte aber in Köln. Inzwischen sind von 39 qualifizierten Ländern 36 entschuldet worden – mit einem Gesamtvolumen von 120 Milliarden US-Dollar. Das ist schon eine stattliche Bilanz. Allerdings war der Erfolg von Fall zu Fall unterschiedlich.

Frage: Welche Länder haben wirklich profitiert?

Schilder: Sehr gut geklappt hat der Prozess etwa in Bolivien. Dort kam die Entschuldung der einheimischen Bevölkerung zugute. Das lag vor allem an dem vom Schuldnerland verlangten Strategiepapier zur Armutsbekämpfung (PRSP). Diese Bedingung war ein wesentliches Merkmal der Kölner Vereinbarungen. In Bolivien gab es auf dieser Grundlage eine fruchtbare gesellschaftliche Debatte, an der nicht zuletzt die katholische Kirche beteiligt war. Am Ende hat die bolivianische Regierung die vereinbarten Projekte auch umgesetzt. Deshalb gilt das Land heute als eine Art Leuchtturm in Sachen Schuldenerlass.

Frage: Wo war die Initiative ein Fehlschlag?

Schilder: Es gab in bestimmten Ländern wie Malawi oder Tschad gar keine ernsthaften Bemühungen, die frei werdenden Mittel für produktive Zwecke oder Investitionen in soziale Grunddienste einzusetzen.

Frage: Gibt es auch positive Beispiele aus Afrika?

Schilder: Es gibt eine ganze Reihe von afrikanischen Ländern, die profitiert haben. Wenn man sich die jetzige Situation ansieht, muss man allerdings sagen, dass davon nur Senegal und Tansania nicht erneut kritisch verschuldet sind. 20 Jahre nach dem Vorstoß von Köln wird also deutlich, dass eine dauerhafte Entschuldung meist nicht funktioniert hat. Wir haben es inzwischen nicht nur mit einer dramatischen Zunahme der Verschuldung zu tun, sondern mit einer gewaltigen Schuldenkrise im Globalen Süden. Der Misereor-Schuldenreport 2019 kommt auf 122 kritisch verschuldete Länder.

Klaus Schilder  arbeitet beim katholischen Hilfswerk Misereor.
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