New York Kurz vor dem entscheidenden Moment trinkt Jussi Pylkkanen noch schnell einen Schluck Wasser. Hinter dem Auktionator und Chef des Auktionshauses Christie’s wird währenddessen Programmposten 8a hereingetragen, Pablo Picassos „Les femmes d’Alger“ (Frauen von Algier). „Ein wunderbares Gemälde“, sagt der weißhaarige Mann in schwarzem Anzug, lilafarbener Krawatte und weißem Einstecktuch. „Wir beginnen bei 100 Millionen Dollar.“ Viele Zuschauer im Auktionssaal in New York halten die Luft an und umklammern ihre Programmhefte ein wenig fester. Knapp zwölf Minuten und einen spektakulären Bieter-Wettstreit später lässt Pylkkanen den Hammer fallen: 160 Millionen plus Kaufprämie macht insgesamt 179,4 Millionen Dollar. Weltrekord.

Rekord gebrochen

Mehr als 30 Gebote sind für das 1955 erstellte Ölgemälde des spanischen Malergenies Picasso (1881-1973) abgegeben worden. Den Zuschlag bekommt in der Nacht zum Dienstag schließlich ein Telefonbieter, für den Christie’s-Manager Brett Gorvy im Saal am Hörer die Hand gehoben hatte. Wer da gerade unvorstellbare knapp 180 Millionen Dollar (etwa 160 Millionen Euro) für ein etwa ein mal anderthalb Meter großes knallbuntes Bild mit mindestens vier barbusigen Frauen darauf ausgegeben hat, bleibt unklar. Sicher ist nur: Wer auch immer es war, er besitzt jetzt das bislang teuerste je bei einer Auktion versteigerte Bild. Der 2013 vom Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ von Francis Bacon aufgestellte Rekord ist gebrochen.

Das Publikum klatscht, aber Auktionator Pylkkanen macht scheinbar unbeeindruckt weiter. 27 Werke sind bei der Auftaktversteigerung der New Yorker Frühjahrsauktionen noch übrig und es stehen noch weitere Highlights auf dem Programm. Als Pylkkanen nach einer guten Stunde die Veranstaltung mit einem „Danke, meine Damen und Herren“ beendet, liegt eine wahrhaft historische Auktion hinter ihm: Neben dem Rekord für das teuerste Bild der Welt ist auch noch der für die teuerste Skulptur gefallen. Alberto Giacomettis „Zeigender Mann“ erzielt inklusive Kaufprämie rund 141,3 Millionen Dollar – und damit rund 35 Millionen Dollar mehr als die bislang teuerste Plastik, Giacomettis „Schreitender Mann“. Auch für weitere acht Künstler sind Auktionsrekorde aufgestellt worden. Insgesamt hat das Auktionshaus innerhalb von einer guten Stunde rund 706 Millionen Dollar umgesetzt.

Der Weltkunstmarkt erlebt derzeit mehreren Studien zufolge ein Allzeithoch. Noch nie wurden mit Kunst so große Umsätze gemacht. Manche Experten halten diese Entwicklung mittlerweile für übertrieben. So warnte der Autor des „Manager Magazin Kunstindex“, Roman Kräussl, vor einer „Spekulationsmanie“, auf die ein Crash folgen könne.

Preise klettern weiter

Allerdings beziehen sich solche Warnungen in erster Linie auf den Handel mit zeitgenössischer Kunst. Ein anerkanntes Schlüsselwerk der Kunstgeschichte wie „Les femmes d’Alger“ kommt nur äußerst selten auf den Markt. „Der Wert ist einfach da“, hatte auch Christie’s-Experte Loic Gouzer schon früher gesagt. „Es gibt so viele Sammler da draußen, die nach dem Besten vom Besten suchen.“

Die Preise werden weiter klettern, ist sich Pylkkanen sicher. „Wir sind in eine neue Ära des Marktes eingetreten, in der Sammler aus der ganzen Welt um das Beste aller Kategorien wetteifern, was zu nie dagewesenen Rekordpreisen führt.“

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