KARLSRUHE Der Zusammenbruch der DDR spülte sie an die Oberfläche: Kampfesmüde, westdeutsche Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), die in den 1980er Jahren unter den Fittichen der Stasi mit falschen Identitäten im anderen Teil Deutschlands untergeschlüpft waren. „Dass jemand wie die RAF-Terroristen in der DDR ein bürgerliches Leben führen könnte – das war für uns kaum vorstellbar“, sagt Bundesanwalt Rainer Griesbaum.

Seit mehr als 30 Jahren bekämpft der Jurist, inzwischen Vize-Chef der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, den Terrorismus und immer bleibt die RAF präsent. Zuletzt mit der Anklage gegen Ex-RAF-Terroristin Verena Becker wegen Mittäterschaft zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seiner Begleiter 1977. Wesentlichen Anteil daran hat die Wiedervereinigung. Plötzlich konnten die Ermittler auf Quellen zurückgreifen, die versiegelt erschienen.

Als erste von den in der DDR untergeschlüpften RAF-Terroristen wurde im Juni 1990 Susanne Albrecht (59), alias Ingrid Becker, festgenommen. Kurz nacheinander flogen auch die anderen auf, darunter Silke Maier-Witt, Inge Viett sowie Henning Beer und Werner Lotze. Insgesamt hatten zehn frühere RAF-Mitglieder jenseits der Mauer ein neues Leben begonnen. Unter den Fittichen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) waren die Aussteiger zwischen 1979 und 1982 nach intensiver Schulung ins DDR-Leben geschleust worden. Die Stasi kämpfte mit allen Mitteln darum, dass das Bündnis nicht aufflog: So musste Susanne Albrecht in ein Hochhaus in Berlin-Marzahn umziehen, als 1986 Gerüchte über ihre wahre Identität kursierten.

Der heute 63-jährige Klaus Pflieger, Generalstaatsanwalt in Stuttgart, war damals wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesanwaltschaft – und wurde mit voller Wucht von dem Thema RAF erfasst. Pflieger wurde zum „Beichtvater“ von Terrorist Werner Lotze – dem ersten in der DDR untergeschlüpften Aussteiger, der vor Gericht gestellt wurde. Lotze stellte sich 1990 den Ermittlern in Karlsruhe freiwillig. Er profitierte 1991 als erster von der strafmildernden Kronzeugenregelung. Wegen Mordes, vierfachen versuchten Mordes sowie schwerer räuberischer Erpressung erhielt er zwölf Jahre Haft.

Die RAF löste sich 1998 auf. Generalstaatsanwalt Pflieger führt die Entwicklung wesentlich auf das Verhalten der Aussteiger nach ihrer Enttarnung durch die Wiedervereinigung zurück. Die zehn Ex-Terroristen sind inzwischen begnadigt – und haben erneut in ein bürgerliches Leben zurückgefunden.

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