BONN Man tagt im Museum Alexander Koenig in Bonn. Die kleine Universitätsstadt am Rhein ist mit nicht so verheerenden Zerstörungen durch den Krieg gekommen. Im Schatten präparierter Tiere aus der afrikanischen Savanne kommen die 65 Vertreter der (damals) elf westdeutschen Länder und fünf Delegierte aus Westberlin zusammen und erarbeiten eine Verfassung, die als Glücksfall in der deutschen Geschichte gilt. Heute vor 60 Jahren, am 8. Mai 1949, stimmte der Parlamentarische Rat für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Hätten die Verfassungsmütter und -väter gewusst, dass ihr Werk 41 Jahre später tatsächlich für ganz Deutschland Gültigkeit bekommen würde, wären sie wohl mit leichterem Herzen an die Arbeit gegangen. Doch 1947/48 war die drohende Teilung Deutschlands das beherrschende Thema. Spätestens am 15. Dezember 1947 ist die Absicht der Alliierten von 1945, Deutschland als ganzes zu verwalten, gescheitert. Die Außenministerkonferenz der vier Siegermächte in London wird ergebnislos abgebrochen. Die Pläne der Westmächte USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen sowie der Sowjetunion auf der anderen Seite sind nicht mehr in Einklang zu bringen. Zu weit sind deren Besatzungszonen auseinander gedriftet – politisch und wirtschaftlich.

Bei der später ebenfalls in London stattfindenden Sechs-Mächte-Konferenz (Westmächte und Benelux-Staaten), die vom 23. Februar bis 6. März sowie vom 20. April bis 2. Juni 1948 tagt, wird letztlich beschlossen, ein föderatives Regierungssystem in Westdeutschland zu errichten. Am 1. Juli eröffnen die Militärgouverneure Clay (USA), Robertson (Großbritannien) und Koenig (Frankreich) in Frankfurt/Main den westdeutschen Ministerpräsidenten den Vorschlag, bis zum 1. September eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen. Die Westdeutschen zögern. Der Wunsch der Westalliierten läuft auf Teilung hinaus. Bei zwei Treffen im Juli in Koblenz und Rüdesheim kommen die Ministerpräsidenten überein, das Angebot doch anzunehmen. Allerdings wird der provisorische Charakter der künftigen Verfassung betont, die deshalb auch nur „Grundgesetz“ heißen darf. Der Weststaat als Provisorium solle ein Kernstaat sein, dem sich andere Länder angliedern könnten.

Vom 10. bis 23. August tagt im Schloss Herrenchiemsee in Bayern ein „vorbereitender Verfassungskonvent“ aus Sachverständigen, die Richtlinien für das Grundgesetz eines „Bundes deutscher Länder“ erarbeiten. Am 1. September 1948 nehmen dann die von den Landtagen gewählten 65 Abgeordneten des Parlamentarischen Rates in Bonn ihre Arbeit im Museum Koenig auf.

CDU/CSU und SPD stellen jeweils 27 Abgeordnete. Andere liberale und bürgerlich-konservative Parteien (FDP, DVP, LDP, Zentrum und DP) stellen neun, die KPD ist mit zwei Abgeordneten vertreten. Präsident des Rates ist Konrad Adenauer (CDU). Die wirklich Einflussreichen sind aber die Fraktionschefs Anton Pfeiffer (CDU/CSU), Carlo Schmid (SPD) und Theodor Heuss (Liberale). Vorsitzender des maßgeblichen Hauptausschusses ist Schmid.

Man will die Fehler der Weimarer Verfassung nicht wiederholen, die den Aufstieg der Nationalsozialisten beförderten. Die neue Verfassung weist dem Staatsoberhaupt vor allem repräsentative Funktionen zu. Das Amt des Regierungschefs hingegen wird gestärkt. Einen gewählten Kanzler wird man nur durch Wahlen oder ein konstruktives Misstrauensvotum los. Eine stabile, föderative, freiheitliche und auch wehrhafte Demokratie schwebt den Abgeordneten vor.

Am 8. Mai 1949 wird das Grundgesetz vom Parlamentarischen Rat mit 53 gegen zwölf Stimmen gebilligt. Und auch der Name des Staates, für den es gelten soll, wird amtlich: Bundesrepublik Deutschland.

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