Rio De Janeiro In Sachen Strategien zur Förderung des Tourismus kann Rio de Janeiro sicher noch einiges lernen. Die Bilder von Männern in martialischen gelben Schutzanzügen, die Moskitos mit Pestiziden den Krieg erklären, gingen um die Welt. Ebenso jene von Polizisten, die Ankommende am Flughafen mit dem Banner begrüßten: „Willkommen in der Hölle. Wer nach Rio kommt, ist nicht sicher.“

An diesem Freitag beginnen die XXXI. Olympischen Sommerspiele in Brasiliens Riesenstadt. Bis zum 21. August werden mehr als 11 000 Sportler um 306 Goldmedaillen wetteifern. Das Motto lautet: „Leidenschaft und Transformation“. Das sollte Grund zur Freude sein. Doch es herrscht bereits jetzt Katerstimmung.

Brasilien hat das Scheinwerferlicht durch Olympia bisher eher zur Selbstdemontage genutzt: Politisches Chaos um das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff, der Haushaltstricksereien vorgeworfen werden, und der Anklage gegen ihren Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva, der sich wegen Behinderung von Ermittlungen verantworten soll. Ein Korruptionsskandal, in den fast die ganze politische Elite des Landes verstrickt ist, vermutlich auch Übergangspräsident Michel Temer. Viele Menschen haben das Vertrauen in die Politik mittlerweile völlig verloren.

Die Wirtschaft befindet sich auf Talfahrt, Millionen Menschen haben keine Arbeit. Die Riesenstadt Rio de Janeiro ist pleite. Die Gewalt hat spürbar zugenommen, viele Polizisten werden nicht mehr bezahlt. Die Kinder sollen lernen, doch viele Schulen sind so marode, dass oft monatelang kein Unterricht stattfinden kann.

Die Euphorie nach der Vergabe der Olympischen Spiele an Brasilien im Jahre 2009 scheint völlig verflogen. Rios Bürgermeister Eduardo Paes klagt, Olympia sei eine vertane Chance.

Zum Start der Olympischen Spiele rufen brasilianische Aktivisten und Gewerkschaftler zu Demonstrationen auf. Am Copacabana-Strand wollen sie am Freitag gegen die hohen Kosten der Veranstaltung protestieren. Nahe des Maracanã-Stadions, in dem die Spiele eröffnet werden, wollen sie auf Menschenrechtsverletzungen bei der Vorbereitung des Sportveranstaltung aufmerksam machen. Sie prangern die Organisatoren und die Regierung für ausufernde Polizeigewalt, die Privatisierung des öffentlichen Raums sowie die Zwangsumsiedlung von Tausenden Familien an. Seit Beginn dieser Woche laufen zahlreiche Protestaktionen.

Nach einer Reise durch 300 Städte in allen 26 Bundesstaaten war das olympische Feuer am Mittwoch in der Olympiastadt eingetroffen. Bei den letzten Etappen der Fackel herrschten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Zuvor war es in einigen Städten zu Tumulten gekommen. Mehrfach gelang es Demonstranten, das Feuer kurzzeitig zu löschen. In einem Vorort von Rio setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschosse ein, um wütende Demonstranten von den Fackelläufern fernzuhalten.

Während der Spiele sollen 85 000 Uniformierte die mehr als 11 000 Sportler und mehr als eine halbe Million Besucher schützen. Gewarnt wird vor terroristischen Anschlägen und vor kriminellen Überfällen. Polizisten und Soldaten mit Gewehren im Anschlag sind mittlerweile in allen Touristenvierteln und vor wichtigen Gebäuden zu sehen.

Amnesty International beklagt derweil eine zunehmende Polizeigewalt in der Olympiastadt. Die Zahl der Todesopfer bei Polizeieinsätzen vor allem in Armenvierteln habe sich im vergangenen Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Nach Angaben des staatlichen Instituts für öffentliche Sicherheit gab es zwischen April und Juni dieses Jahres im Stadtgebiet von Rio 124 Todesopfer, mehr als ein Toter pro Tag.

Zumindest gegen das drohende Verkehrschaos haben die Behörden jetzt Maßnahmen ergriffen. Donnerstag und Freitag wurden zum Feiertag erklärt, um die Verkehrswege um die Arbeitspendler zu entlasten. Und trotz zahlreicher Pannen sind nach Angaben der Organisatoren alle Sportstätten und Verkehrsprojekte fertig geworden.

Die Behörden versprechen eine perfekte Organisation der Olympischen Spiele. Und auch Beobachter meinen, sie könnten trotz all der Krisen und Probleme ein großes Sportfest werden. Brasilien ist ein Land mit kurzem Gedächtnis – und liebt den Augenblick.

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