Prag Das Feldkrankenhaus der tschechischen Armee war schon in Konfliktgebieten wie dem Irak und Afghanistan im Einsatz. Es leistete humanitäre Hilfe in der Türkei und in Albanien. Jetzt müssen die Soldaten nur rund 100 Kilometer zurücklegen, um ihren Einsatzort in den Messehallen im Prager Stadtteil Letnany zu erreichen. Tschechien ist im Corona-Krisenmodus. „Der Kampf gegen die Pandemie ist jetzt nicht nur für die Armee die Aufgabe Nummer eins“, sagt Verteidigungsminister Lubomir Metnar.

Feldlazarett

Die Sorge wächst, dass die Krankenhäuser bald mit Covid-19-Patienten überlastet sind. Das Feldlazarett – eine kleine Container-Stadt mit OP, Intensivstation, eigenem Labor und Röntgengeräten – soll als Reserve dienen. Bereits an diesem Sonntag soll das Lazarett einsatzbereit sein.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Rekordzahlen vermeldet werden müssen. Erst am Freitag wurde mit 11 105 Fällen erstmals die Schwelle von 10 000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden überschritten. Auf die Bevölkerung umgerechnet nimmt Tschechien längst EU-weit einen traurigen Spitzenplatz bei der Infektionsrate ein.

Am meisten beunruhigt Experten, dass inzwischen fast jeder dritte Test in dem Land mit 10,7 Millionen Einwohnern positiv ausfällt. Aus dem Musterland, das im März als erstes in Europa eine Maskenpflicht eingeführt hatte, ist nun ein Sorgenkind geworden. „Die Zahlen sind katastrophal“, räumt Ministerpräsident Andrej Babis ein. Der Unmut über das Krisenmanagement der Regierung wächst.

Fehlersuche

Was ist schiefgelaufen, fragen sich nun viele. „Der Fehler ist wahrscheinlich im Sommer geschehen, als die Maßnahmen schnell gelockert wurden“, sagt der Epidemiologe Petr Smejkal vom Prager Forschungskrankenhaus IKEM. Die Menschen hätten vergessen, dass das Virus immer noch unter uns ist. Die Regierung und verschiedene Experten hätten widersprüchliche Botschaften ausgesendet.

Inzwischen sind Schulen und Gastronomie geschlossen, Sport- und Kulturveranstaltungen ausgesetzt, Treffen von mehr als sechs Personen untersagt. Doch die Corona-Zahlen steigen. Damit wird der andauernde Personalmangel im Gesundheitswesen zum immer größeren Problem.

Besondere Maßnahmen

Die Ärztekammer hat an die zahlreichen Auswanderer aus dem Gesundheitswesen appelliert, vorübergehend zurückzukehren, um ihren Landsleuten zu helfen. Der Biologe Jaroslav Flegr hat sogar vorgeschlagen, notfalls Veterinärmediziner einzusetzen. Die Regierung hat sich bereits in Nachbarländern wie Deutschland erkundigt, ob sie im Bedarfsfall Intensivpatienten aufnehmen könnten.

Zweiter Lockdown?

Mittlerweile wird selbst ein zweiter harter Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. Die Entscheidung könnte Anfang November fallen. Präsident Milos Zeman appellierte in einer Fernsehansprache an die Disziplin der Bevölkerung beim Maskentragen. Er empfahl den Menschen, auf Fachleute zu hören und nicht auf weit verbreitete Verschwörungstheorien hereinzufallen. Der 76-Jährige sagte: „Uns steht nur eine Waffe zur Verfügung, solange es keine Impfung gibt: Diese Waffe ist ein kleines Stück Stoff.“

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