Hannover Wehmut? Tränen? Keine Spur. „Alles läuft geschäftsmäßig“, heißt es in den Landtagsfraktionen. Auf der Tagesordnung des Parlaments stehen Themen wie Wohnraumförderung, Professorenbesoldung, weniger Müll im Meer und ein „Gänse-Management“ zum Schutz der Tiere. Im Hintergrund tickt die Uhr. Unerbittlich. Freitagnachmittag ist Schluss in diesem Hohen Haus. Die Abgeordneten müssen raus. Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) lädt zur „Abriss-Party“.

Drei Jahre lang krempeln Bagger, Presslufthämmer und Handwerker den maroden Bau um. Bis 2017 wird das Leineschloss für fast 53 Millionen Euro saniert. Der ganze Parlamentsbetrieb samt seiner 137 Volksvertreter zieht wenige Meter weiter in ein Ausweichquartier. Die frühere Eisenwarenhandlung („Georg-von-Cölln-Haus“) wird für 3,5 Millionen Euro in der Sommerpause hergerichtet, so dass Busemann am 24. September das Plenum im Provisorium eröffnen kann.

Mit den Abgeordneten geht ein Stück Geschichte. Mit vielen Episoden, bewegenden Szenen, Eklats und Tumulten seit dem 11. September 1962. Bis dahin tagten die Abgeordneten im „Weißen Saal“ der hannoverschen Stadthalle.

Im Leineschloss ging’s manchmal hoch her. „Die ständige Unruhe, die meist unnötige Ruppigkeit, unqualifizierte Zwischenrufe und die Tendenz zur Verächtlichmachung waren oft unerträglich“, stellt der langjährige Landtagspräsident Horst Milde (SPD) aus Oldenburg den Kollegen ein sehr tadelndes Zeugnis aus. Ein Grünen-Abgeordneter musste sogar aus dem Saal getragen werden, weil er partout seine Rede nicht unterbrechen wollte.

Als Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) in den 1980er Jahren mit nur einer Stimme Mehrheit regierte, verpasste die Regierung zweimal die Mehrheit. Jeweils zwei CDU-Abgeordnete bekamen die Abstimmungen im Plenarsaal nicht mit. Sie waren auf der Toilette. Auf dem stillen Örtchen gab’s keine Klingel. Jetzt ja. Dass Fraktionsmitarbeiter in die umliegenden Kneipen ausschwärmten, um alle Schäflein einzusammeln, war damals Gang und Gäbe. Heute kommt das kaum noch vor.

Unvergessen, wie die SPD-Kandidaten Helmut Krasimier und Karl Ravens 1976 bei der Wahl zum Ministerpräsidenten an Abweichlern aus den eigenen Reihen scheiterten – und stattdessen Ernst Albrecht triumphierte.

Unvergessen auch, wie Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (CDU) den frisch gewählten CDU-Fraktionschef Christian Wulff, der mit stolzer Brust zum ersten Mal ans Rednerpult eilte, zurückpfiff. Erst müsse Wulff den Redezettel ausfüllen, dann könne er nach vorne, belehrte Gansäuer den parlamentarischen Grünschnabel. Alle im Plenum verstanden: Freunde fürs Leben würden Gansäuer und Wulff nicht.

Beeindruckend die rhetorischen Leistungen von Gerhard Schröder (SPD). Der Ministerpräsident vertrat aus der Not heraus in einer Fragestunde seinen abwesenden Agrarminister – und hatte dabei vom Thema keine Ahnung. Doch die Wissenslücke kaschierte Schröder rhetorisch so brillant, dass der ganze Landtag auf den Tischen lag.

Apropos Agrarminister: Einmal hielt Karl-Heinz Funke (SPD) eine Rede, bis sein CDU-Kontrahent empört aufsprang: „Du Schw...!“, ereiferte sich der Christdemokrat. Funke hatte dreist die Rede des Kontrahenten vorgetragen, die dieser zuvor in den Wandelgängen hatte liegen lassen. Noch heute lachen viele über diese Anekdote.

Weit ernster geht die Geschichte mit dem ersten Ministerpräsidenten Hinrich-Wilhelm Kopf (SPD) um. Seine möglichen NS-Verstrickungen deckte die Fraktion Die Linke 2008 auf. Bis heute hält diese Debatte an – auch um die Benennung des Platzes vor dem Parlament. Wer weiß in diesem Zusammenhang noch, dass in Kopfs Kabinett auch ein 33-jähriger, blutjunger Vertriebenen-Minister saß. Heinrich Albertz (SPD) machte später als Regierender Bürgermeister in Berlin Karriere.

Auch manche Entgleisung verzeichnen die Parlaments-Protokolle. So sagte die CDU-Abgeordnete Gudrun Pieper zur türkischstämmigen Grünen-Parlamentarierin Filiz Polat: „Am besten hätte man Sie abschieben sollen.“ Der Grüne Helge Limburg keulte nicht weniger heftig zurück, als er den CDU-Innenminister Uwe Schünemann einen „unerträglichen Hetzer“ nannte.

Alfred Kubel, SPD-Ministerpräsident von 1970 bis 1976, pflegte auf Beschimpfungen gelassen zu reagieren. Sein Motto im Landtag lautete immer: „Mich darf jeder einen Lügner nennen. Aber wehe, er kann es nicht ­beweisen.“

Gunars Reichenbachs Chefkorrespondent / Redaktion Hannover
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