Von Olaf Reichert

Frage: Herr Kepplinger, Bundestagsabgeordnete und Hauptstadtjournalisten zeichnet ein besonderes Verhältnis zueinander aus. Das haben Sie untersucht. Mit welchen Ergebnissen?

Kepplinger: Wenn es um die Selbsteinschätzung beider Gruppen geht, ähneln sich die Ergebnisse. Journalisten und Politiker sehen ihresgleichen gemäßigt kritisch. Anders ist es, wenn Journalisten Politiker beurteilen und umgekehrt. Fragt man Politiker, ob Journalisten jedes Mittel für den schnellen Erfolg recht ist, schnellen die Zustimmungswerte in die Höhe. Und die Journalisten nehmen dasselbe von Politikern an, wenn es um Wählerstimmen geht. Beide Berufsgruppen haben ein ausgesprochen negatives Bild von ihrem Gegenüber. Sie trauen sich gegenseitig nicht über den Weg.

Frage: Woran liegt das? Sprechen Politiker und Journalisten unterschiedliche Sprachen?

Kepplinger: Es geht eher um die unterschiedlichen Kriterien erfolgreichen und vernünftigen Verhaltens. Die sind in der Politik und in den Medien völlig verschieden. Politiker sollten Risiken eingehen, wenn sie Erfolg haben wollen, Journalisten nicht. Darin sind sich beide Berufsgruppen in der Selbstwahrnehmung einig. Eine große Differenz tut sich bei den zeitlichen Perspektiven auf. Politiker und Journalisten leben in total unterschiedlichen Zeithorizonten, wenn es um das Erreichen eines Ziels geht.

Frage: Üben Journalisten Macht aus?

Kepplinger: Zweifellos. Sie sind sogar der Ansicht, sie müssten noch mehr Macht über Politiker ausüben. Dieser Anspruch wird aber nicht begründet durch Zweifel an der Effektivität oder der Moralität von Politik, wie ich zunächst annahm. Er beruht auf der Rolle der Medien in der Demokratie: Laut Grundgesetz und Rechtsprechung haben die Medien den Auftrag, die Politik zu kontrollieren. Und daraus leiten die Journalisten per se ihren Anspruch ab.

Frage: Haben Sie Beispiele für besonders machtvolles agieren der Medien?

Kepplinger: Das beste Beispiel ist die Art und Weise, wie Kurt Beck als SPD-Chef abgehalftert wurde. Becks Einschätzung stimmt, dass es eine Kampagne gegen ihn gab.

Frage: Was wird die Zukunft bringen?

Kepplinger: Ich bin überzeugt, dass sich das Machtverhältnis weiter zu Gunsten der Medien verschiebt. Die Journalisten in der Hauptstadt treten bei weitem offensiver, macht- und selbstbewusster auf als die Politiker, die in ihrem Verhalten, ihren Antworten und Meinungen eher defensiv sind.

Frage: Eigentlich sollten Journalisten doch nur Beobachter sein?

Kepplinger: Ein erheblicher Teil von ihnen verhält sich aber wie ein Akteur auf politischer Bühne – auch wenn sie das nicht zugeben würden.

Frage: Ist es ein Problem, dass Journalisten keine direkte demokratische Legitimation haben?

Kepplinger: Ein Problem resultiert eher daraus, dass Journalisten keine Verantwortung für die unbeabsichtigten negativen Folgen ihres Handelns übernehmen müssen. Wenn die Kanzlerin etwa eine falsche Entscheidung im Fall Opel trifft, dann werden die gleichen Medien, die sie zuvor zu ihrem Schritt gedrängt haben, über sie herfallen. Diese Doppelbödigkeit ist vielen Journalisten nicht hinreichend bewusst.

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