Berlin Am Morgen hatten Soldaten der Roten Armee auf der Ruine des Reichstages die sowjetische Flagge gehisst. Am Nachmittag begeht Adolf Hitler an diesem 30. April 1945 nur ein paar hundert Meter entfernt im „Führerbunker“ nahe der Reichskanzlei an der Wilhelmstraße Suizid. Es ist das Ende mit Ankündigung des wahnsinnigen Tyrannen, die persönliche Kapitulation, der Untergang des Dritten Reiches und für nicht wenige „die wahre Stunde Null“.

Um halb vier wollen Zeugen im Bunker an diesem Nachmittag einen Schuss gehört haben. Hitlers Adjutant Otto Günsche sowie sein Kammerdiener Heinz Linge sollen gemeinsam mit Reichsleiter Martin Bormann Hitlers Leichnam blutüberströmt in seinen Privaträumen auf einem Sessel oder Sofa gefunden haben. Nicht nur hierüber gingen die Schilderungen überlebender Bunkerinsassen auseinander.

An seiner rechten Schläfe habe ein Loch geklafft, auf dem Boden eine Pistole des Fabrikats Walther gelegen. Daneben und an der Wand Blut. Die Lippen des Leichnams seiner Frau Eva seien blau, ihre Pistole jedoch unbenutzt gewesen. Ob durch Gift oder die Kugel, ob von eigener Hand erschossen oder der Schuss erst später von einem Dritten abgefeuert worden war – der exakte Hergang lässt sich aus den Schilderungen nicht mehr aufklären. Hitler hatte den Suizid kurz zuvor in seinem Testament angekündigt.

Es gab eine Heiratsurkunde, die Eva Hitler erst mit ihrem Mädchennamen Braun unterzeichnen wollte und noch einmal neu ansetzen musste. Ein eilig herbeigerufener Gauamtsleiter namens Walter Wagner gab den Standesbeamten. Joseph Goebbels und Martin Bormann waren die Trauzeugen. Champagnerkorken knallten, Gläser klirrten – die Szenen, die sich im kleinen Konferenzzimmer abgespielt haben sollen, erscheinen zutiefst surreal. Draußen toben noch die letzten Schlachten um Berlin, drinnen im Bunker wird geheiratet. Hitler war klar geworden, dass die Zeit gekommen war, Schluss zu machen. „Ich selbst und meine Gattin wählen, um der Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen, den Tod“, schrieb er in seinem Testament, ordnete an, sofort verbrannt zu werden. „Aus freien Stücken“ wähle er den Tod, wolle nicht den Feinden in die Hände fallen.

Erst die Hochzeit, dann der Doppelsuizid – in seinem Testament hatte Hitler Großadmiral Karl Dönitz zu seinem Nachfolger an der Spitze des Staates ernannt und ihm den Auftrag erteilt, den Kampf über seinen Tod hinaus bis zum Untergang zu führen – acht Tage später dann die Kapitulation und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Längst standen die russischen Panzer im zerstörten Berlin. Hitler hatte sich mit seinen Getreuen hinter meterdickem Beton verbunkert, weigerte sich, die zerbombte Hauptstadt zu verlassen. Die Atmosphäre sei dort „wie in einem Sargkasten“ gewesen, schrieb der Bunkertelefonist Rochus Misch in seinen Aufzeichnungen. Es habe „Weltuntergangsstimmung“ geherrscht, der Jammer sei mit Alkohol betäubt worden.

Hunderttausende mussten in diesen dunklen Tagen noch sterben, obwohl Hitlers Herrschaft de facto bereits am Ende war. „Ein Greis bei seinen sechsundfünfzig Jahren, ohne Schlaf, von Medikamenten und Giften sich nährend, zitternd, das Gesicht aschfahl, mit flackernden Augen, hielt er seine ‚Lagebesprechungen‘ ab, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hatten“, beschrieb Historiker Golo Mann die groteske Szenerie.

Ein menschliches Wrack, das noch immer teuflische Befehle erteilte, Hinrichtungen anordnete und bis in den April hinein an den „Triumph des Willens“, an den „Endsieg“ geglaubt zu haben schien. Etwa, als der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt am 12. April überraschend starb und Hitler noch auf eine mögliche Wende und eine Spaltung der Alliierten gehofft haben soll.

Am 19. März hatte Hitler Rüstungsminister Albert Speer den Nero-Befehl erteilt, lebenswichtige Infrastruktur wie Energieanlagen, Fabriken, Dämme und Verkehrsadern zu zerstören, damit sie der Feind nicht nutzen konnte. Speer gab zu bedenken, dass das den Hunger- und Kältetod für das deutsche Volk nach dem Krieg bedeuten würde. Das sei ganz recht so, soll Hitler geantwortet haben. Er wollte Volk und Land zerstören. Die Nation habe versagt, nicht gesiegt und damit die Bewährungsprobe nicht bestanden, daher sollte sie auch nicht weiterleben. Die Besten seien ohnehin gefallen. Den Alliierten sollte nur noch eine „Zivilisationswüste“ bleiben. Bereits 1933 bei der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten hatte er von Untergang geredet. Der 30. April 1945, ein Montag, „der letzte Werktag des Dritten Reiches“, schrieb der Publizist Alexander Kluge.

70 Jahre später erinnert nur eine Gedenktafel dort auf dem Gelände, das heute als Parkplatz dient, an „Mythos und Geschichtszeugnis ‚Führerbunker‘“ an der Gertrud-Kolmar-Straße in der Mitte Berlins. Ein paar Schritte weiter mahnen Stelen des Holocaust-Mahnmals im Gedenken an Millionen Opfer der Shoa im Dritten Reich.

Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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