IM NORDWESTEN Sie kennt den Weg, sie geht ihn ja zweimal täglich: links durch das Stalltor in den Wartehof, geradeaus durch den schmalen Klinkergang, dann der Schritt aufs Karussell, Abfahrt. „Nummer 94“, meldet der Computer in roter Leuchtschrift, sie ist die Erste heute.

Eine halbe Etage tiefer ruft Sigrid Hots fröhlich: „Bitte nicht drängeln!“ Die 54-Jährige setzt das Melkzeug an, schon fährt Nummer 94 weiter. „1,2 Liter“, meldet die rote Leuchtschrift nun, der Computer beginnt zu rechnen.

Die Großen bleiben

Das hier ist der Hof Hots in Petersfeld, Landkreis Ammerland, seit 112 Jahren gibt es die Familie hier, und seit 83 Jahren gibt es Helmut Hots, den Senior. Er steht draußen und erzählt munter von früher, von den 50er Jahren: „Mit sechs Kühen bin ich angefangen“, sagt er; gemolken hat er sie per Hand.

Damals war der Hof Hots einer von 14 Betrieben in Petersfeld, heute gibt es noch fünf. Geblieben sind die Höfe, die stetig gewachsen sind, so wie überall im Land: Ende 2011 gab es in Niedersachsen 12 668 Milchviehhalter, 10 000 weniger als 2001 und 20 000 weniger als 1991. Nur ein Prozent dieser 12 668 Betriebe hält so wenig Kühe wie Helmut Hots damals; 79 Prozent haben mindestens 50, 100 oder sogar 500 Kühe.

Helmut Hots’ Sohn Heino, 57 Jahre alt, und dessen Sohn Holger, 35 Jahre, melken heute 200 Kühe pro Tag, per Hand geht das natürlich nicht.

Kuh Nummer 94 hat nach sechs Minuten die halbe Fahrzeit hinter sich gebracht, „8,03 Liter“ notiert der Computer. Rund 100 Kühe schafft so ein 24-Plätze-Melkkarussell pro Stunde. Dafür kostet es auch schnell mal 400 000 Euro, ebenso wie der neue Stall gleich dahinter. Einen Kühltank braucht man auch, das ist vorgeschrieben, der Molkereiwagen kommt nur alle zwei Tage. 50 000 Euro kostet so eine Kühlanlage.

An der Tür zum Melkstand pappt ein Aufkleber, darauf steht: „Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe.“ Richtig wäre auch: Viele Kühe machen Kosten.

Hoch über dem Melkkarussell sitzt Heino Hots vor einer staubigen Computertastatur. „Das ist das Herden-Management“, erklärt er. Er tippt eine Zahl ein, schon sieht er: Kuh Nummer 731 hat heute Anspruch auf 9,06 Kilogramm Kraftfutter.

Das Futter, noch so ein Kostenfaktor: Der Preis pro 100 Kilogramm Sojaschrot ist seit Januar von 30 auf 40 Euro gestiegen. Hots’ Kühe brauchen täglich 1,5 Tonnen.

Warum sinkt der Preis?

Hots tippt eine Spalte weiter. Kuh Nummer 731 hat heute bloß 7,11 ihrer 9,06 Kilogramm gefressen. „Bei der weiß ich, woran es liegt“, erklärt der Bauer: „Sie hat ein bisschen Probleme mit dem Fuß.“

Manchmal muss aber erst der Tierarzt nachschauen, auch das ist ein Kostenfaktor.

Ebenso wie die Versicherungen. Die Flächenkosten. Der Wasserverbrauch. Die Stromkosten. Fahrzeuge, Reparaturen, Besamungen. Hots hat einmal nachgerechnet: Er muss erst einmal 26 Cent ausgeben, um einen Liter Milch zu erzeugen zu können.

Aber da sind ja auch noch Zinsen und Tilgung für Melkkarussell, Kühltank und neuen Stall. Und die Familie Hots, mittlerweile leben vier Generationen auf dem Hof, braucht ihren Lohn: Da sind Heino und Sigrid, Opa Helmut steht ein Altenteil zu, Sohn Holger hat kleine Kinder, zwei Azubis leben auch noch auf dem Hof. „Kurz und gut“, sagt Heino Hots: „Wenn der Milchpreis bei 35 Cent liegt, ist bei uns alles in Ordnung.“

Zurzeit liegt der Milchpreis bei knapp 30 Cent pro Kilogramm, Tendenz fallend. Experten rechnen damit, dass er bis zum Sommer auf 25 oder 24 Cent fallen wird. Trinkmilch ist im Supermarkt jetzt ab 45 Cent zu haben.

Wie kommt das?

Der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes in Berlin, Eckhard Heuser, identifiziert den Fleiß der Bauern als eine Ursache für den Preissturz: „Nach zwei guten Jahren haben wir ein erhöhtes Milchaufkommen weltweit.“

Der Vizepräsident im Landvolk Niedersachsen in Hannover, Heinz Korte, kritisiert vorsichtig die großen Discounter: „Der hohe Konzentrationsgrad im Lebensmitteleinzelhandel sorgt dafür, dass billige Preise sich rasend schnell verbreiten.“

Der Hauptgeschäftsführer im Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels, Franz-Martin Rausch, erklärt knapp: „Es gibt keinen Schuldigen – der Markt bestimmt den Preis.“

Zwei Effekte

Der Markt also. In seinem Büro im Haus der Landwirtschaftskammer Oldenburg brütet der Agrarökonom Dr. Albert Hortmann-Scholten, 52 Jahre alt, über einem Referat zum Thema Milchpreis. Er hat viele Zahlen zusammengetragen, zum Beispiel: dass es in Deutschland derzeit 4 190 103 Milchkühe gibt, dass sie 29,1 Millionen Tonnen Milch erzeugen, dass das deutlich mehr ist als im Vorjahr.

„Eigentlich ist es einfach“, sagt Hortmann-Scholten: „Wir haben eine Ausweitung der Produktion und gleichzeitig eine stagnierende bis nachlassende Nachfrage nach Milchartikeln.“

Auch Heino Hots hat die Produktion erhöht, er melkt in diesem Jahr 200 Kühe statt wie zuvor 150. „Das ist die richtige Größe für uns, wenn vier Generationen davon leben sollen“, hat er ausgerechnet: „Aber nur, wenn der Milchpreis stimmt.“

Er hat den neuen Kuhstall gebaut mit den Liegeflächen und den Kuhbürsten, „da holen sich die Tiere Streicheleinheiten ab“. Er lächelt: „Kuh-Komfort ist wichtig, nur so bekommt man gute Milch.“

Milchfachmann Hortmann-Scholten bestätigt: „Einzelbetrieblich“ gesehen handelt ein Milchbauer so genau richtig. Überbetrieblich gesehen leider nicht.

Ihr Problem sei die geringe „Angebots- und Nachfrage-Elastizität“: Ein Milchbauer kann nicht schnell genug reagieren und aus der Produktion aussteigen, „er hat keinen Hebel, den er umlegen kann“. Er zieht Kälber auf – und nach zwei Jahren geben sie Milch, frühestens. Das heißt: Ein Bauer braucht 24 bis 36 Monate, um auf den Markt zu reagieren.

Auf und ab

Bauer Hots rechnet vor: Ein Kuh-Platz kostet ihn zwischen 3000 und 8000 Euro. Um 2000 Euro Aufzuchtkosten auszugleichen, muss eine Kuh 6250 Liter Milch geben. „Wenn ich sie fünf Jahre melken kann, dann wird es wirtschaftlich.“

Sein Melkkarussell hat sich einmal im Kreis gedreht, Nummer 94 verschwindet nach rechts im Klinkergang. „14,01 Liter“, zieht der Computer Bilanz. „Naja“, murmelt Hots, dann tritt Nummer 758 aus dem Karussell: 19,22 Liter, „das ist gut“. Aber wohin nun mit der Milch?

Hots sagt: „Wir können nur eines machen: Reklame für unsere regionalen Produkte.“ Im Melkstand wirbt ein Plakat mit einem Glas Milch für eine „Kuhle Wellness-Empfehlung“, draußen preist ein anderes das „Kuhle Leben“ an.

Vom niedrigen Milchpreis profitiert nämlich nur einer, sagen Bauern, Molkereien, Händler einstimmig: der Verbraucher. „Und wenn der Konsum wieder ansteigt, wird alles gut“, sagt Hots.

Denn auch das ist der Markt, erklärt Lebensmittelhandelschef Franz-Martin Rausch beschwichtigend: Mal geht es aufwärts, mal geht es abwärts.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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