Frage: Herr Götting, wie haben Sie selbst von dem Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris erfahren?

Götting: Vielleicht war ich einer der Ersten im Land, der davon gewusst hat. Ein Freund von mir wohnt in Paris mit Blick auf die Notre-Dame und hat mir Fotos geschickt, als die ersten kleinen Flammen zu sehen waren. Ich war letzte Woche noch in der Kathedrale, habe Fotos von der Rosette gemacht. Die Kirschblüten neben der Notre-Dame blühten. Da gab es keinen Gedanken an diese schlimme Katastrophe. Wer konnte das schon ahnen?

Frage: Welche Bedeutung hat der Brand für die Katholiken, für Paris, für ganz Frankreich?

Götting: Frankreich ist mitten ins Herz getroffen worden. Es ist ein großer Schock. Das kann man auch nachvollziehen, obwohl wir Deutsche nicht so zentralistisch sind. Der Platz vor Notre-Dame ist der berühmte Null-Kilometer. Alle Entfernungen im Land werden von dort aus gemessen. Und der Brand hat auch eine fatale Ironie. Notre-Dame steht seit 800 Jahren, hat zwei Weltkriege überstanden, Charles de Gaulle hat dort die Befreiung von den Nazis gefeiert. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir meinen, alles unter Kontrolle zu haben, und dann zerstört ein Brand Teile der Kathedrale.

Frage: Mittlerweile ist das Feuer gelöscht...

Götting:: Glücklicherweise. Ich habe heute Morgen Bilder aus dem Innern gesehen. Der Altar steht, die hölzerne Kanzel steht und auch ein Großteil des Gewölbes steht. Der Innenraum ist weitestgehend intakt. Nur durch ein kleines Loch in der Decke ist ein wenig Wasser ins Innere gekommen. Seit heute Morgen bin ich ganz beruhigt. Wenn wir bei der Herz-Metapher bleiben, war es ein Herzinfarkt – aber kein Herztod.

Frage: Um welchen Gegenstand haben Sie persönlich am meisten gebangt?

Götting: Ich bin Organist und habe zweimal in Notre-Dame konzertiert, zuletzt vor zwei Jahren. Natürlich denkt man an die Orgel. Ich kenne viele Pariser, habe dort lange gelebt und dort studiert. Im Herzen bin ich ein halber Franzose. Es ist ein sehr einschneidendes Erlebnis. Durch die Hitzeentwicklung und den Ruß ist die Orgel sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Es wäre ein Segen, wenn nur die Pfeifen ersetzt werden müssten. Das Erschütternde für die Musiker vor Ort ist, dass in der Kirche seit über 800 Jahren Musik gemacht wird – wahrscheinlich wird es jetzt fünf bis zehn Jahre keine Musik mehr geben.

Frage: Aber ist eine Rekon­struktion der Orgel, der Kathedrale möglich?

Götting:: Es wird ein erheblicher Aufwand sein. Aber an Geld wird es sicher nicht scheitern. Eine Rekonstruktion – ähnlich wie bei der Frauenkirche in Dresden – ist möglich, nur der Originalzustand wird nicht mehr vorhanden sein. Es wird eine Replik sein. Die Wunde kann man schließen, aber eine Narbe wird bleiben. Trotzdem ist es sinnvoll, die Kirche wieder fertigzustellen.

Frage: Warum?

Götting: Die Menschen beziehen sich sehr stark auf Notre-Dame, gerade jetzt in der Karwoche. So weltlich Frankreich auch geworden ist, das geht an den Menschen nicht einfach so vorbei. Es ist ein zentraler Ort. Die Glocke Emmanuel hat damals zur Befreiung von den Nazis geläutet und alle Menschen wussten, dass der Krieg vorbei ist. Diese zentralistische Struktur ist für die Deutschen nicht nachvollziehbar.

Frage: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verschob seine für Montagabend geplante Fernsehansprache zum Thema „Gelbwesten“, betonte am Abend die Trauer einer ganzen Nation. Kann die Tragödie auch einen neuen Zusammenhalt schaffen?

Götting: Ich würde das sehr hoffen. Seit Monaten gibt es die Demonstrationen, viele wissen gar nicht mehr, wofür sie eigentlich demonstrieren. Nun sehen sie, dass es ganz andere Werte gibt, wofür es zu kämpfen gilt. Die hohe Spendenbereitschaft zeigt das bereits. Der Brand kann sich positiv auf den Geist in Frankreich auswirken, eine Aufbruchstimmung auslösen. Das französische Volk hat trotz allem einen ungeheuren Nationalstolz.

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