Nissan-Lez-Enserune „Hier ist wirklich die Hölle los. Wie der Beginn einer Revolution!“ Barbara Macia lebt mittendrin im Protest der Gelbwesten, der „Gilets Jaunes“. Was vor ein paar Wochen wie jede andere der so häufigen Blockaden und Demos im streitlustigen Frankreich begann, verändert inzwischen den Alltag vieler Menschen.

Die blonde Barbara Macia fällt auf in Nissan-lez-Enserune, einem typisch südfranzösischen Dorf mit 4000 Einwohnern direkt an der Nationalstraße, die nahe der Mittelmeerküste von Montpellier Richtung Spanien führt.

„Bonjour Madame“ oder „Allô, Barbara“ wird die hochgewachsene Frau gegrüßt, wenn sie zum Markt geht oder beim Bäcker einkauft. Auf der Straße bleibt sie oft für ein kleines Schwätzchen mit Bekannten stehen. Denn fast jeder kennt hier die ehemalige Gymnastiklehrerin, die Generationen junger Mädchen den Tanz und anmutige Bewegung gelehrt hat. Auch als Immobilienmaklerin und Hausverwalterin hat sie sich in dieser Ferienregion einen Namen gemacht. Barbara Macia gehört dazu, lebt seit vier Jahrzehnten in Nissan, ihre vier erwachsenen Kinder sind waschechte Franzosen.

Sie selbst ist „die Deutsche“, denn sie stammt aus Flensburg. Immer in Hektik, immer in Bewegung, trotz Ruhestands. Vor ein paar Tagen musste sie zum Einkaufen ins drei Kilometer entfernt liegende Gewerbegebiet von Colombiers. Barbara Macia ist jetzt noch sauer: „Das ist zehn Minuten von hier. Ich brauchte zweieinhalb Stunden. Ich war, wie immer, in Zeitnot und drehte fast durch.“ Ständig erlebt sie jetzt sowas. „Mein Enkelkind war am Wochenende hier, natürlich per Zug und natürlich mit 40 Minuten Verspätung.“

Kein Verständnis also für die Proteste? Im Gegenteil. „Die ,Gilets Jaunes’ haben viel Mut, sie stehen an jedem Kreisverkehr und blockieren die Zufahrten. Ich kann sie verstehen, sie nehmen sich Zeit für eine positive Veränderung für das Volk“, sagt sie.

Doch „das Volk“ – was ist das überhaupt? Wer hat in Frankreich Grund zum Protest? „Vielen geht es gut“, meint Barbara Macia. „So wie mir, ich komme hier zurecht und lebe nicht über meine Verhältnisse, sondern eher einfach.“

Trotzdem muss sie sich oft ärgern. „Man zahlt wahnsinnig viele Steuern, zahlt für Versicherungen, Benzin und so weiter, bevor man überhaupt lebt, das heißt: sich einkleiden und vernünftig essen kann“, erzählt sie. „Aber das schaffen viele nicht mehr. Sie kommen finanziell nicht mehr klar, am 20. des Monats beginnt der Kampf, wie es weitergehen soll. Das kostet Nerven und Kraft, und es macht Angst. Es herrscht Armut, und der Mittelstand wird immer kleiner.“

Wie so viele andere in Frankreich hat Barbara Macia ihre Hoffnung in Emmanuel Macron gesetzt. Und anders als viele andere hier im ländlichen Südwesten, wo in den Klein- und Mittelstädten der wachsende Anteil der Migranten aus nordafrikanischen und arabischen Ländern von Alteingesessenen kritisch gesehen wird, ist sie nie eine Anhängerin von Le Pen und des Front National gewesen. Auch wenn ihr gefällt, wie der rechtspopulistische Bürgermeister im zehn Kilometer entfernten Béziers, Robert Ménard, seit ein paar Jahren die Stadt regelrecht aufgeräumt hat. Die radikalen Parolen der Rechten behagen ihr trotzdem nicht.

Macrons Politik aber auch nicht mehr. „Er ist arrogant. Das denkt mittlerweile ganz Frankreich“, sagt Barbara Macia. Zu lange habe es gedauert, bis der Präsident sich endlich selbst zu den Protesten der „Gilets Jaunes“ geäußert hat, zu lange hätten die Minister die Diskussionen übernehmen müssen. „Er sieht jetzt endlich, dass er als Alleinherrscher nicht so mit dem Volk umgehen kann. Irgendwann kommt es zu einem Knall. Wo will er jetzt die Gelder hernehmen, um Lücken zu stopfen? Frankreich ist stark verschuldet. Und wird er wieder einen anderen Weg finden, um sein Versprechen einzuhalten? Das Volk fühlt sich betrogen.“

Und abgezockt. Noch nicht verklungen ist der Ärger über die landesweite Einführung von Tempo 80 im Frühsommer auf allen Landstraßen.

„Die 80 Stundenkilometer waren noch nicht in Kraft gesetzt, als uns schon preisgegeben wurde, wie viel der Staat daran verdient“, erbost sich die Deutsch-Französin. „Jetzt sind die Blitzer zu zwei Dritteln zerstört, es ist ein teurer Spaß für die Regierung geworden.“

Ob Tempolimit, Brotpreise, Steuern – die Franzosen lassen sich nichts bieten. Dazu brauchten sie früher keine gelben Westen. Aber die, die nun auf dem Lande überall an den Kreisverkehren, vor Autobahnauffahrten oder an Einkaufszentren stehen, wollen auch mehr als nur billigeren Diesel oder höheres Arbeitslosengeld. „Sie wollen die Regierung stürzen“ ist sich Barbara Macia sicher: „Ich weiß nicht, wie lange sie durchhalten. Neulich sagte ein Journalist: Frankreich explodiert, das überträgt sich auf ganz Europa.“

Ob Macron die Protestwelle übersteht? Barbara Macia weiß es auch nicht, vielleicht ist das politische Ende des einstigen Hoffnungsträgers schon nah. „Aber wer“, fragt sie sich, „übernimmt dann den Saftladen?“

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