Münster „Der 28. Juli 2014 wird im Gedächtnis Münsters haften bleiben. Das Unwetter dieses Tages forderte Menschenleben, zerstörte Existenzen und schädigte in außerordentlichem Maße privates wie öffentliches Vermögen“ – mit diesen Worten schließt ein wenige Monate später verfasster, immerhin 43 Seiten starker Bericht der Stadtverwaltung, der in dieser Form wie Länge und Wortwahl so ganz anders als alle bis dato veröffentlichten erscheint. Den Ereignissen angemessen, so ist man auch fünf Jahre nach dem Jahrhundertunwetter geneigt zu sagen.

Da waren junge Leute, die anfangs noch bespaßt auf Luftmatratzen durch die sonst ausnahmslos gepflasterte Innenstadt surften. Da waren Autos, die keine Stunde später bis zum Dach von Wasser umschlossen waren. Und da waren noch Wochen später mannshohe Sperrmülltürme, die ganze Straßenzüge schier undurchdringlich erscheinen ließen. „Wie im Krieg“ hatten sich da vor allem ältere Münsteraner gefühlt.

Als an diesem Montag der Regen fiel, hatte niemand mit der Flut gerechnet. Geschweige denn mit solchen Zahlen: Zwei Tote. Vier zerstörte Feuerwehrfahrzeuge. 450 beschädigte städtische Bäume. 3500 Einsatzkräfte aus ganz NRW. 13 000 Notrufe. 24 000 Haushalte ohne Strom. Fünf Millionen Euro Soforthilfe für Bürger, 80 Millionen Euro und mehr aus Versicherungsschäden. Und das alles wegen 40 Millionen Kubikmetern Wasser auf der Stadt.

„In meinem Gedächtnis haften geblieben ist nicht zuletzt der Geruch des nassen Sperrgutes an den Straßenrändern, bei dessen Abtransport uns Müllwerker aus mehreren nordrhein-westfälischen Städten an Wochenenden freiwillig halfen“, sagt heute Wolfgang Heuer, Leiter des Krisenstabs, „und noch viele Wochen das nachts zu hörende Laufen der Trocknungsgeräte in den Kellern“.

Trauma-Fänger

Das, was da herunterkam, entsprach keiner bekannten Statistik. Statistisch aber ebenso schier unmöglich: Genau sechs Wochen vor dem Jahrhundertunwetter wütete bereits „eines der schlimmsten Unwetter in NRW seit vielen Jahren“, wie Experten jenes Ereignis nannten, das Keller volllaufen und Bäume entwurzeln ließ.

Klar, kein Vergleich zu den Geschehnissen am 28. Juli – aber dennoch ein Angstbeschleuniger, ein regelrechter Trauma-Fänger, der damals Betroffenen jedes Gewitter bis heute zur Tortur werden lässt. Obwohl es dies eigentlich ja gar nicht müsste. Denn „statistisch gesehen liegen diese Werte weit jenseits einer Wiederkehrwahrscheinlichkeit von 100 Jahren“, so hieß es damals vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz.

Mehr als eine Woche lang war der münstersche Krisenstab im Einsatz. Noch deutlich länger agierte die sogenannte „Leidstelle“ – eine Gruppe junger Freiwilliger, die sich nach einem Facebook-Aufruf spontan zusammenfand und aus einem Studentenzimmer heraus mit Handys, Salzstangen und via Soziale Medien die ehrenamtliche Hilfe in ganz Münster organisierte – weil die hauptamtlichen Retter aufgrund der Massen an Problemen und Aufgaben stadtweit nicht mehr hinterherkamen.

Zwischenzeitlich steuerten sie über 8000 Bürger quer durch die Unterwasserstadt, brachten so Hilfsbedürftige und Helfer zusammen, die trotz eigener Nöte weder sich noch andere aufgaben. „Das war einfach nur klasse“, so Heuer. „Nicht lamentieren, sondern anpacken, nicht zugucken, sondern anderen Menschen helfen. Das Ganze organisiert über die Möglichkeiten der neuen sozialen Medien: Eine wunderbare Erfahrung, die wir zunächst gar nicht so auf dem Schirm hatten.“

Absolute Stärke

Besagte Facebook-Gruppe „Regen in Münster“ gibt es heute zwar nicht mehr – aber diese nunmehr geflügelte Begrifflichkeit steht nicht nur für ein fürchterliches Ereignis in der Westfalen-Metropole, sondern auch für eine unvergessliche Solidarität und Stärke – beginnend in einer Nacht absoluter Schwäche.

Damals, als binnen sieben Stunden zahlreiche Menschen plötzlich obdachlos wurden und Verwüstungen wie großflächige Zerstörungen in nahezu allen Stadtteilen die münstersche Gesellschaft für einige Zeit aus den Angeln hebelte.

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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