Münster 1100 Polizeibeamte in Nah und Fern. 250 Kräfte von Feuerwehren und Hilfsorganisationen. 45 Einsatzfahrzeuge, dazu mehrere Rettungshubschrauber über der Stadt: Es waren nur Sekundenbruchteile an diesem 7. April 2018, die über Leben, Tod und Chaos in Münsters guter Stube entschieden.

Augenblicke, in denen ein 48-Jähriger sein eigenes Leben, gleichermaßen aber auch jenes von vier weiteren Menschen (zwei verstarben vor Ort, zwei Opfer viele Wochen später) beendete und unzählige mehr oder minder direkt Beteiligte in Trauer, Angst und Wut stürzte. Momente, die aber nicht nur die Einsatzfähigkeit der Retter unter Beweis stellen, sondern auch die Hilfsbereitschaft einer Stadtgesellschaft bezeugen sollten.

Ja, Jens R. war psychisch labil. Hatte sich daheim einen Galgen gebaut. Hatte Waffen gesammelt und wenige Tage vor seiner Amokfahrt regelrechte „Lebensbeichten“ auf CDs an Behörden und Bekannte verteilt. Aber dieser Jens R. stand nicht für eine wie auch immer einzuordnende Gruppe Mensch – weder Islamist noch „Psycho“. Und so wenig es sich um einen politisch motivierten Terrorakt handelte, so schnell konnte auch ein bloßer tragischer Verkehrsunfall ausgeschlossen werden.

15 volle Aktenordner

15 Aktenordner voller Erkenntnisse haben die Ermittler in den vergangenen zwölf Monaten zum Geschehen vor und während der Tat angelegt. Darin minutiöse Zeitpläne, kaum erträgliche Fotostrecken, Beziehungsgeflechte und gekappte Verbindungen, Gutachten nicht minder: es ist das wechselhafte 48-jährige Leben eines Mannes – fein skizziert in Wort, Bild und Erklärung. So viele Antworten. Auch auf Fragen, die nicht gestellt wurden. Allein die Frage nach dem Warum bleibt jedoch offen.

Warum all das? „Veränderung der Persönlichkeit“, heißt es so knapp wie nüchtern aus dem münsterschen Polizeipräsidium, dies allerdings ganz wertfrei. Schließlich ist das Ermittlungsverfahren noch immer nicht abgeschlossen, hat die Staatsanwaltschaft noch keine endgültige Bewertung vornehmen können.

Die Toten sind indes längst beerdigt, eine schnörkellose Metallplatte „im Gedenken an die Opfer des 7. April 2018“ am so getroffenen Spiekerhof eingebracht. Noch nah genug am Kiepenkerl-Denkmal, aber weit genug von den Terrassenplätzen entfernt. Nicht nur die Gastronomie-Betreiber sollen vergessen dürfen, auch die Touristen, die einst nur wegen Kaffee, Kuchen und Tradition her strömten – nun aber auch von vielen „Katastrophenfans“ unterwandert werden.

Doch nur weil Fahrt und Fahrer hier nicht mehr täglich diskutiert werden, heißt es nicht, dass die Bürger der Stadt das Geschehene verdrängt hätten. Sie haben nur sehr früh einen anderen Weg der Verarbeitung gewählt – in Gänze anders, als es die Sozialen und andere Medien taten, noch während die Verletzten im Kiepenkerlviertel versorgt wurden.

Keine Angst haben

„Wir dürfen keine Angst haben“, so Polizeisprecher Roland Vorholt, „Angst ist eine Blockade.“ Tatsächlich wurden an diesem Tag in der „analogen“ Gesellschaft Kräfte freigesetzt, die all dem Hass, der Häme und den Spekulationen im Netz eindrucksvoll entgegentraten. Das lokale Online-Magazin „Alles Münster“ hat davon berichtet. „Das schönste Symbol für die wahre Seele dieser Stadt“, wird Oberbürgermeister Markus Lewe da auch ein Jahr später gegen den Verfall der Sitten argumentieren. Zeichen einer starken, empathischen Gesellschaft – so viel stärker als der Hass im Netz – gab es viele.

Da war jenes Schild, das ein Unbekannter am Kiepenkerl montierte: „In Zeiten wie diesen stehen wir näher beieinander als zuvor. Nichts und niemand wird daran etwas ändern“, stand darauf geschrieben. Da waren aber auch jene zwei Opfer der Amokfahrt, die sich quasi vom Krankenbett aus noch in der Raphaelsklinik vom OB trauen ließen – zum Dank und als symbolisches Geschenk an die Bürger und Helfer Münsters, wie es von Klinik-Sprecher Michael Bührke hieß.

Echte Vorbilder

Da waren jene schier endlosen Schlangen von Blutspendern, die sich binnen kürzester Zeit vor dem Uniklinikum gebildet hatten. Ob tatsächlich spendefähig oder nicht – völlig egal. Da versorgten und unterstützten noch direkt vor Ort an der Unfallstelle zahlreiche Bürger die Retter, boten sich Ihnen auch als Laienhelfer an. Und da brachen Polizisten, Ärzte und Pfleger ihren Urlaub ab, meldeten sich spontan zum Dienst und machten so nicht nur ihre Vorgesetzten stolz.

„Es wird doch immer nach echten Vorbildern gesucht“, sagt Stadtrat Wolfgang Heuer, Leiter des Krisendienstes, heute: „na bitte: hier sind sie!”

Marc Geschonke Redakteur / Redaktion Oldenburg
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