Jerusalem Der Tempelberg in Jerusalem ist einer der sensibelsten Orte der Welt. Jede noch so kleine Veränderung auf dem leidenschaftlich umkämpften Plateau in der Altstadt kann ein politisches Erdbeben und neues Blutvergießen auslösen. Deshalb soll jetzt eine ständige Video-Überwachung der Muslimen wie Juden heiligen Stätte der Legendenbildung vorbeugen – und so dabei helfen, die jüngste Welle der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern einzudämmen. Ob dieser Geist aber so einfach wieder in die Flasche gesperrt werden kann, gilt als sehr zweifelhaft.

US-Außenminister John Kerry hatte die Maßnahme am vergangenen Wochenende nach intensiven Vermittlungsgesprächen mit Israel, Jordanien und den Palästinensern als „ersten Schritt“ verkündet. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gelobte außerdem eine Achtung des seit 1967 herrschenden Status quo: „Muslime beten auf dem Tempelberg, Nicht-Muslime besuchen den Tempelberg.“ Im Klartext bedeutet das, dass Juden nicht auf der Anhöhe beten dürfen, die laut der Überlieferung auf den Überresten des im Jahre 70 zerstörten zweiten jüdischen Tempels steht.

Netanjahu bekräftigt damit in seltener Deutlichkeit den Status quo, den die Palästinenser durch demonstrative Besuche jüdischer Aktivisten gefährdet sahen. Beide Seiten werfen sich ständig gegenseitige Provokationen auf dem von Jordanien verwalteten Tempelberg vor, auf dem heute die islamischen Heiligtümer Felsendom und Al-Aksa-Moschee stehen. Wie genau die Überwachung durch Kameras ablaufen soll und ob dies nun mehr Klarheit und Einigkeit bringen wird, ist jedoch ungewiss.

Denn in zentralen Fragen des Konflikts ist die Lesart von Israelis und Palästinensern häufig völlig konträr. Seit Anfang Oktober sieht Israel sich etwa einer brutalen Angriffswelle junger Palästinenser mit Stich- und Schusswaffen ausgesetzt. Mindestens zehn Israelis und 74 Palästinenser wurden in dieser Zeit getötet. Die meisten der Palästinenser kamen nach Angaben Israels bei ihren Anschlägen, andere bei anschließenden Konfrontationen mit der Polizei ums Leben. Die Palästinenserführung in Ramallah spricht hingegen von gezielten „Hinrichtungen“ junger Palästinenser und wirft den israelischen Sicherheitskräften übertriebene Gewaltanwendung vor.

Bei Demonstrationen an den vergangenen beiden Wochenenden forderten in Tel Aviv Zehntausende Israelis eine friedliche Lösung des Konflikts. Sie versammelten sich an dem Ort, an dem vor 20 Jahren der damalige Ministerpräsident Izchak Rabin von einem jüdischen Fanatiker ermordet worden war – weil er den Palästinensern im Gegenzug für eine Friedensregelung Land abtreten wollte.

Rabins damaliger Weggefährte, Israels früherer Präsident Schimon Peres, sagte dem Armeesender, Israel habe inzwischen das Ziel aus den Augen verloren: „Ich weiß heute nicht mehr, was das Land eigentlich will. Wollen sie zwei Staaten oder nicht? Es ist mir nicht klar.“

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