Tel Aviv Schimon Peres war Israels letzter Gigant – so lautete am Mittwoch nach dem Tod des Ex-Präsidenten das einstimmige Credo. Mit dem 93-jährigen Friedensnobelpreisträger starb der letzte Repräsentant der politischen Gründergeneration Israels.

Als Szymon Perski in Polen geboren, hatte er nach seiner Einwanderung im Jahr 1934 beim Aufbau des jüdischen Staates mitgeholfen – an der Seite des legendären Staatsgründers David Ben Gurion. Peres widmete fast sieben Jahrzehnte seines Lebens dem öffentlichen Dienst – zweimal war er Regierungschef, sieben Jahre lang Präsident und mehrmals Minister – darunter Kriegs- und Außenminister. „Sein wichtigstes Anliegen war es immer, dem jüdischen Volk zu dienen“, sagte Chemi Peres, eines seiner drei Kinder, kurz nach der Todesnachricht im Scheba-Krankenhaus bei Tel Aviv. Dies habe er bis zu seinem letzten Tag getan.

Mit Peres starb auch der letzte der drei Politiker, die 1994 für die Vereinbarung der israelisch-palästinensischen Friedensverträge mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden waren. Ein Jahr nach der Auszeichnung war Israels Regierungschef Izchak Rabin von einem jüdischen Fanatiker erschossen worden. Palästinenserpräsident Jassir Arafat starb 2004. Und zwei Jahrzehnte nach Abschluss der Verträge gilt auch der Nahost-Friedensprozess als gescheitert.

Wegen seines unermüdlichen Einsatzes für eine Friedensregelung in Nahost war Peres auf dem internationalen Parkett dennoch hoch angesehen. Der Vetter der Hollywood-Schauspielerin Lauren Bacall, der stets mit sonorer Stimme sprach, wirkte staatsmännisch.

Dabei war Peres in seiner Heimat lange eine sehr umstrittene Figur. In Israel wurde er als „ewiger Verlierer“ verspottet, der immer wieder von politischen Rivalen an die Seite gedrängt wurde. Seine Vision von blühenden Landschaften in einem friedlichen Nahen Osten wurde angesichts der harten Realität in einer umkämpften Region gerade von vielen Rechten als weltfremde Spinnerei belächelt. Und Palästinenser warfen ihm bis zuletzt vor, er habe als Feigenblatt der israelischen Besatzung gedient. Während Peres nach seinem Schlaganfall auf der Intensivstation lag, verurteilte ihn Basel Ghattas, arabischer Abgeordneter im israelischen Parlament, als „blutrünstigen Kriminellen“, der Kriegsverbrechen verübt habe. „Peres ist von Kopf bis Fuß mit unserem Blut bedeckt“, sagte er.

Vorgeworfen wurde Peres als damaligem Regierungschef auch lange eine Verantwortung für das „Massaker von Kana“, bei dem 1996 rund 100 libanesische Zivilisten starben. Während der Operation „Früchte des Zorns“ hatte die israelische Artillerie ein UN-Schutzlager getroffen. Auch Peres’ Rolle als Vater des israelischen Atomprogramms will nicht so recht zu seinem friedlichen Image passen.

Das Mitglied der Arbeitspartei wandelte sich jedoch allmählich zum zähen Verfechter einer umfassenden Friedensregelung in Nahost. „Als Mann des Friedens hat er sich bis zu seinen letzten Tagen für eine Versöhnung mit unseren Nachbarn und eine bessere Zukunft für unsere Kinder eingesetzt“, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu am Mittwoch.

Wie symbolisch ist es da, dass Peres’ letztes öffentliches Amt, seine Zeit als Staatspräsident, nach sieben Jahren ausgerechnet während des blutigen Gaza-Kriegs 2014 endete. Die Erfüllung seines schönen Traums von Frieden in einem „neuen Nahen Osten“ durfte er selbst nicht erleben.

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