Die Tarifflucht großer Teile der Arbeitgeber fast aller Branchen stellt eine Errungenschaft zur Disposition, um die Deutschland in aller Welt beneidet wurde und die lange Zeit sozialen Ausgleich garantiert hat. Die Tarifautonomie hat bis in die 90er-Jahre dafür gesorgt, dass das Land weitgehend sozial befriedet war, der Staat sich aus der Lohnfindung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern heraushalten konnte. Sie war eine der Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg im Nachkriegsdeutschland. Jetzt steht ihr Ende bevor.
Die vom Staat geduldete, teilweise sogar geförderte kontinuierliche Entmachtung der Gewerkschaften (siehe Tarifeinheitsgesetz) hat Arbeitgebern ein paar kleine Vorteile gebracht, für die nun ein hoher Preis gezahlt werden muss. Jetzt muss der Staat immer häufiger eingreifen in einem mehr oder minder entfesselten Kapitalismus, der seit der Ära Schröder durch die Deregulierung des Arbeitsmarktes immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse geschaffen hat, von denen die Menschen nicht mehr leben können. Mehr als 30 (!) Prozent aller Arbeitsverhältnisse sind Minijobs und schlecht bezahlte Leiharbeit. Nun muss der Mindestlohn gesetzlich geregelt werden.

Es ist ein frommer Wunsch im Jubiläumsjahr, dass die Tarifautonomie noch einmal als ausgleichendes Element die soziale Balance in einem außer Rand und Band geratenen Wirtschaftssystem garantieren könnte. Es ist keine kühne Prognose festzustellen, dass die Zeit der Gewerkschaften sich dem Ende zuneigt und dem sozialen Gewissen der Politik eine noch größere Bedeutung zukommt.

Thomas Haselier über
Tarifautonomie

Eingriffe des Staates


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Thomas Haselier / Archiv
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