Frage: Herr Spitzer-Ewersmann, was haben Sie gedacht, als Sie das Foto des ertrunkenen Flüchtlings und seiner Tochter gesehen haben?
Spitzer-Ewersmann: Das Bild wird in den sozialen Medien stark wahrgenommen und diskutiert. Ich habe mich an das Foto des Flüchtlingsjungen Alan Kurdi von 2015 erinnert gefühlt und sofort versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Bildern zu finden: Ist Blut zu sehen? Wie liegen Vater und Tochter dort? Im Tod und allem Leid hat das Bild etwas Ästhetisches. Es sieht nicht so grausam aus, wie es ist. Das liegt auch daran, dass wir das vorherige Grauen nicht sehen, sondern nur das Ergebnis.

Veranstalter der „World Press Photo“

Claus Spitzer-Ewersmann (60) ist Gründer und geschäftsführender Inhaber der Agentur „Mediavanti“. Er holte 2016 die „World Press Photo“-Ausstellung nach Oldenburg und ist mit „Mediavanti“ weiter Veranstalter der Bilderschau.

Frage: Wir zeigen das Bild in unserer Zeitung – darf man Bilder wie dieses denn überhaupt veröffentlichen?
Spitzer-Ewersmann: Man darf es nicht nur, man muss es. In unserem gemütlichen Mitteleuropa werden wir nur noch durch solche Aufnahmen aus unserem Schläfchen geweckt. Trotz einer unglaublichen Bilderflut in den Medien haben wir das Grauen nicht leibhaftig vor Augen. Bilder wie das des toten Vaters und seiner Tochter holen uns aus unserer Komfortzone heraus und haben den Effekt, dass wir gewissen Themen mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen. Aufzuwecken – das ist der Hauptsinn eines solchen Bildes.
Frage: Kann ein Foto wie diese darüber hinaus etwas bewirken oder verändern?
Spitzer-Ewersmann: Das aktuelle World-Press-Foto zeigt ein weinendes Kind an der US-amerikanischen Grenze. Seine Mutter wird gerade festgenommen. Dieses Bild hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt und dazu beigetragen, dass die Praxis im Umgang mit Flüchtlingen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA überdacht und eingestellt wurde. Ein Foto kann also etwas bewirken.
Frage: Bilder wie diese werden vielen Menschen lange in Erinnerung bleiben. Wann wird ein Pressefoto zu einem ikonischen Bild?
Spitzer-Ewersmann: Fotografen versuchen, über ein Bild eine ganze Geschichte abzubilden, eine Thematik auf den Punkt zu bringen. Dabei können sie in der Darstellung nicht differenzieren. Viele Menschen kennen das Bild eines nackten Mädchens, das auf einer Straße in Vietnam auf die Kamera zuläuft. Bei diesem Bild wissen wir sofort, wo wir sind. Wir haben eine ganze Geschichte im Kopf. Fotos, die das schaffen, werden zu ikonischen Bildern.
Inga Wolter stv. Ltg. / Online-Redaktion
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