Hannover Freud und Leid liegen nah beieinander, in dieser Novemberwoche 1989 in Niedersachsen. Sie erzählt viele große und kleine Geschichten. Eine Auswahl:

9. November 1989

Schon tagsüber kreist ein Hubschrauber über Braunschweig: Binnen 24 Stunden soll eine dort ansässige Druckerei 100 000 Einbürgerungsanträge für DDR-Übersiedler liefern. 50 000 davon werden direkt per Helikopter ins Bundesnotaufnahmelager in Gießen geflogen. Am Abend der Grenzöffnung dann großer Betrieb am Grenzübergang im nah gelegenen Helmstedt: Hunderte Menschen aus der Umgebung waren gekommen, um DDR-Bürger zu begrüßen. Im Laufe der Nacht kommen hier 1500 Besucher hier an.

10. November 1989

Volksfestartige Stimmung in Duderstadt: Tausende DDR-Bürger sind gekommen, um hier „ihr Bier zu trinken“, wie ein Beamter des Bundesgrenzschutzes erklärt. Und natürlich auch, um sich ihr Begrüßungsgeld auszahlen zu lassen. Am Abend dann die Meldung: Duderstadt ist zahlungsunfähig. Im Laufe des Tages war über eine halbe Million Mark ausbezahlt worden. In Göttingen greift Oberstadtdirektor Hermann Schierwater sogar in die eigene Tasche: Weil die Zahlstelle des Sozialamtes schon geschlossen hat, drückt er während einer laufenden Ratssitzung einem DDR-Besucher 100 Mark in die Hand.

11. November 1989

Im hannoverschen Hauptpostamt stehen Hunderte müde und aufgekratzte DDR-Bürger Schlange, um sich ihr Begrüßungsgeld zu holen und anschließend auf Einkaufstour zu gehen. Der Magdeburger Textilhandelskaufmann Harald Bunge ist vom Warenangebot überwältigt: „In meinem Laden haben wir zum Beispiel keine Herrenunterwäsche“, erzählt er. Andere wollen den Westen erst einmal kulinarisch erkunden, zum Spanier oder zum Griechen zieht es sie.

12. November 1989

Wer an diesem Sonntag in den Westen will, braucht Geduld. Vor dem Grenzübergang Helmstedt bildet sich eine 60 Kilometer lange Schlange von Trabis und Wartburgs. Und wer die Grenze passiert hat, ist noch lange nicht am Ziel: Viele bleiben auf bundesdeutschem Gebiet liegen, der ADAC ist im Dauereinsatz. Allerdings sind die Schäden oft leicht behoben: „Wir tricksen so ein bisschen rum, und dann fahren die Kisten wieder“, sagt ein Fachmann des Automobilclubs. Resolut geht die Grenzöffnung in Stapelburg über die Bühne: Hier rollt ein Traktor der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft an, um den Grenzzaun einzureißen.

13. November 1989

Mehr als 300 000 DDR-Bürger haben Niedersachsen an diesem ersten Wochenende besucht. Ganz oben auf den Einkaufslisten standen – wie zu erwarten war – Südfrüchte. Aber auch Dinge des alltäglichen Gebrauchs nahmen die Besucher mit nach Hause. So wurden etliche Begrüßungs-Mark in Strümpfe, Seife oder Toilettenpapier investiert. In der Zwischenzeit haben sich die Niedersachsen organisiert: Beim zuständigem Ministerium gingen rund 300 Wohnungsangebote und 140 Arbeitsplatzangebote für Bürger aus der DDR ein.

14. November 1989

Das hat der Magdeburger Kfz-Mechaniker wohl nicht im Traum für möglich gehalten: Am Dienstag wird bekannt, dass ein 40 Jahre alter DDR-Besucher über 1,2 Millionen Deutsche Mark im Lotto gewonnen hat. Den Wettschein hatte er bei einem Besuch in Bad Herzberg von seinem Begrüßungsgeld gekauft. Einsatz: 6 Mark.

15. November 1989

Auch wenn sich der Verkehr an der Grenze ein wenig beruhigt hat, der Besucherstrom reißt nicht ab. Viele DDR-Arbeiter kämen nach der Nachtschicht zu einer Stippvisite nach Niedersachsen und führen zurück, sobald das Begrüßungsgeld aufgebraucht sei, erzählt ein Grenzbeamter in Helmstedt. „Ob ich noch eine Weihnachtsnuss abkriege, ist äußerst fraglich. In Braunschweig ist schon vieles ausverkauft“, sagt er schmunzelnd.

16. November 1989

Statt eines Knöllchens gibt es in Bremen Kaffee und Kuchen: Ein Trabi steht im eingeschränkten Halteverbot, eine Verkehrsüberwacherin spricht die Fahrerin an. Während des Gesprächs brechen die Fahrerin, ihre zwölfjährige Tochter und ihre Oma in Tränen aus. Sie hätten ihre Angehörigen verloren und säßen jetzt im kalten Trabi und warteten und hofften. Kurz darauf erscheint dann tatsächlich die Schwester der Frau mit einem eineinhalb Jahre alten Jungen im Arm. Da die Familie seit ihrer Abfahrt aus Rostock nichts gegessen hat, werden sie letztlich zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

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