Berlin /Emden /Varel Lange wollte keiner seine Geschichte hören: Bekannt war Werner Bab (1924 bis 2010) als Autohändler in Berlin. Erst 60 Jahre nach der Befreiung aus KZ-Haft erzählte der Jude Werner Bab dem damaligen Studenten Christian Ender seine Geschichte, der daraus einen Dokumentarfilm schuf.

So kann man erfahren, dass Werner Bab in die Schweiz flüchten wollte, 1942 gefasst und ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurde. Er wurde zur Zwangsarbeit eingeteilt – er musste sich um die Hunde der SS-Offiziere kümmern. Bab überlebte 1945 den Todesmarsch ins tschechische Pleß und die Konzentrationslager Mauthausen, Melk und Ebensee. „Ältere Leute sind wirklich umgefallen wie die Fliegen, aber die Jüngeren, zu denen ich ja damals gehörte, haben’s überlebt“, schildert er die Torturen auf dem Weg nach Mauthausen.

Wie Werner Bab überlebte auch Isaak Behar (1923 - 2011) den Holocaust. „Versprich mir, dass du am Leben bleibst“ heißt seine Biografie, die 2002 im Ullstein-Verlag erschien. Darin schildert er sein Schicksal als „U-Boot“, wie man die untergetauchten Juden nannte, die der Deportation zu entkommen versuchten. 5000, schätzen Experten, hatte es in Berlin gegeben, 1500 davon überlebten die Verfolgung der Nationalsozialisten. Einer von ihnen war Behar. Seine Familie, Vater, Mutter und zwei Schwestern, starben in Auschwitz.

Gedenkstätte Gleis 17

Später besuchte er in Erinnerung an seine Familie regelmäßig die Gedenkstätte „Gleis 17“ im Berliner Grunewald. Von Oktober 1941 an wurden von dort 50 000 Juden nach Auschwitz deportiert. Behar: „Für mich ist es auch das Grab. Danach sind sie ja praktisch nie mehr lebend wahrgenommen worden.“ Als Gemeindeältester der jüdischen Gemeinde Berlin erzählte er Schülern oder angehenden Polizisten von seinen Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus. Behar wurde während seiner Flucht vor den Nazis gefasst, zweimal zur Deportation bestimmt, doch er entkam den Todeslagern.

Eine der Überlebenden des Holocaust war Johanne Titz (geb. Weinberg; 1901 bis 1990) aus Varel. Sie war das jüngste von fünf Kindern des jüdischen Ehepaars Wolf und Rose Weinberg, die 1905 von Ostfriesland ins oldenburgische Varel zogen. Johanne heiratete 1929 den (christlichen) Kaufmann Hermann Titz. Das Paar blieb kinderlos und zog über Dessau, Wittenberg nach Reichenbach in Schlesien. Dort überlebte Johanne Titz die Verfolgung durch die Nazis. Sie entging den Deportationen, weil sie in einer „Mischehe“ lebte. Dass die Ehe mit einem Nichtjuden sie allenfalls vor der Ermordung, nicht aber vor Drangsalierungen und Demütigungen schützte, gab Johanne Titz später über ihre Zeit in Reichenbach zu Protokoll: „Sonntags durfte ich, wenn dieser Tag im Betrieb arbeitsfrei war, die Wohnung nicht verlassen. Jeden Werktag hatte ich mich zunächst bei der Polizei zu melden.“ Auch durfte sie keine Läden betreten. 1944 wurde sie schließlich verhaftet und ins Zwangsarbeitslager Faulbrück geschafft, wo sie bis Oktober 1944 bleiben musste.

Aus Heimat vertrieben

Mit ihrem Mann kehrte sie 1946 nach Varel zurück. Von ihren Geschwistern hatte niemand die Verfolgung überlebt. Ihr Bruder Adolf war nach Jever verzogen, nach einer „Entjudungsaktion“ musste er mit seiner Familie Jever verlassen und lebte bis zur Deportation am 29. Januar 1943 in Berlin. Zusammen mit seiner Frau und dem zehn Jahre alten Sohn wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Die beiden Geschwister Ernst und Jette Weinberg hatten das elterliche Haus in Varel übernommen. Bis 1937 betrieben sie dort das Geschäft der Eltern weiter, einen Handel mit Altmetall und Fellen. Ab 1937 richteten sie in dem Haus – zwangsweise, weil sie ihr Gewerbe nicht mehr ausüben durften – ein Altenheim ein. Im Oktober 1941 wurden Ernst und Jette Weinberg sowie weitere vier Bewohner deportiert. Die Weinbergs starben im Ghetto Litzmannstadt – Jette am 17. November 1941 und Ernst am 27. März 1942. Ihre zurückgelassenen Möbel wurden öffentlich in Varel versteigert.

In das nun leerstehende Gebäude quartierte die Gestapo 24 jüdische Bürger aus Emden ein, die im Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Auch deren Eigentum wurde in Varel versteigert, wie der Vareler Historiker Holger Frerichs herausgefunden hat (Holger Frerichs: Spurensuche. Das jüdische Altenheim in Varel 1937 bis 1942; Verlag Hermann Lüers, Jever).

Neue Erinnerungstafel

Johanne Titz konnte zunächst zwei Zimmer des Elternhauses in Varel beziehen. Bis sie das Erbe ihrer in Litzmannstadt ermordeten Geschwister antreten konnte, vergingen aber noch viele Jahre. Erst 1954 wurde ihr das Grundstück rückübertragen, das die Finanzverwaltung 1942 übernommen hatte.

Auf das Schicksal der deportierten Juden aus dem Altenheim in Varel macht jetzt eine Erinnerungstafel aufmerksam, die am Mittwoch, 27. Januar, an der Vareler Grundschule am Schlossplatz aufgestellt wird. Dazu wird auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Oldenburg, Jehuda Wältermann, erwartet.


Mehr Infos und ein Film zu Werner Bab unter mehr Infos und ein Film zu Isaak Behar unter   www.bpb.de/33924;  oder   www.bpb.de/mediathek/750/ein-juedisches-schicksal-das-leben-des-isaak-behar; 
  www.groeschlerhaus.eu 
Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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