Frankfurt /Main Die ausgestellten Modelle glänzen mehr noch als in den vergangenen Jahren, doch sie überstrahlen nicht den schleichenden Niedergang der Automobilindustrie: Die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt macht nachdrücklich deutlich, woran es krankt beim Umgang mit des Deutschen liebsten Kindes.

Während sich die (Um)Welt am Abgrund dreht, präsentiert die Autobranche vor allem Emotionen aus der Vergangenheit. Dazu gehören beileibe nicht nur die Hersteller, sondern auch die Medien, die allzugern aufspringen und mitmachen bei der Hatz nach immer mehr Pferdestärken. Von Vernunft wird nur geredet, gezeigt wird etwas anderes.

„Große Zukunft“?

Herbert Diess, Chef des Wolfsburger Autokonzerns Volkswagen, betonte bei der Präsentation des Elektroautos „ID.3“: „Wir glauben, dass das Auto in der neuen Welt noch eine große Zukunft hat.“ Wie die meisten seiner Kollegen hat er wenig verstanden. Seine Konzerntochter Audi präsentiert dem geneigten Publikum einen RS 7 mit 600 PS starkem V8-Motor, der 100 km/h in 3,6 Sekunden erreicht und mehr als 300 km/h schnell wird. Die (Fehl)Leistungsoffensive wird begleitet von Neuauflagen des S6 und S7, die es mit Dieselmotoren auf ebenso sinnlose 349 PS bringen.

SUV-Riesen

BMW bietet den Besuchern den Protzschlitten 8er Gran Coupé (länger als fünf Meter und so teuer wie hierzulande ein Reihenhaus) an. Besonders stolz ist man in München auf den M8, der mehr als 600 PS aus einem V8-Benziner kratzt. Außerdem zeigen die Bayern noch den X6, der ab November zu Preisen ab 75 500 Euro auf den Markt kommt. Der SUV-Riese mit Coupédach ist satte 4,94 lang und zwei Meter breit, was angesichts der berechtigten Diskussion über den Platz auf der Straße den Besucher kopfschüttelnd zurücklässt.

Bei der Konkurrenz in Stuttgart geht’s nicht besser zu: Mercedes präsentiert parallel zum neuen BMW X6 die Neuauflage des GLE Coupés, der mit 272 bis 435 PS zu haben ist und mit Preisen ab 72 000 Euro startet. 421 PS leisten die 45er-Versionen CLA, CLA Shooting Brake und A-Klasse des Mercedes-Veredlers AMG, die Ende 2019 auf den Markt kommen sollen. Auch hier sei die Frage erlaubt, wer diese automobilen Fehlentwicklungen eigentlich kaufen soll. Das Gros der Autofahrer wird schon finanziell nicht in der Lage sein, jemals solche Autos zu besitzen, von den drängenden Umweltfragen mal ganz abgesehen.

Politik schaut zu

Der Rundgang ließe sich unendlich fortsetzen, fast jeder Hersteller präsentiert solche Modelle, ohne sich auch nur im Ansatz dafür zu rechtfertigen, im Gegenteil: Das Schulterklopfen für die PS-Monster kommt nicht nur von den Fachzeitschriften. Sinnlose Autotests, bei denen sich die „Tester“ hochziehen an irrationalen Geschwindigkeitsorgien abseits jeder Alltagstauglichkeit, fördern weiter diesen anachronistischen Wahnsinn.

Die IAA ist auch im Jahr 2019 keine Mobilitätsmesse geworden, wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) glaubhaft machen wollte. Sie ist eine rückwärts gewandte Automesse für PS-Nostalgiker – und mittendrin die Politik, die vor dem Hintergrund derartiger automobiler Neuvorstellungen jede Debatte über Tempobeschränkungen an sich abprallen lässt.

Der Spagat zwischen Marktchancen etwa in China, dem nach eigener Aussage wichtigsten Absatzmarkt der deutschen Autoindustrie, und Kundenwünschen im eigenen Land könnte aber für die Branche zum Leistenbruch führen. Trotz der noch halbwegs spürbaren Nachfrage nach Luxuskarossen und PS-Monstern ist Chinas Markt im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent gefallen. Denn die Zentralregierung in Peking hat längst das Steuer herumgerissen. Abgasfreie Autos haben künftig bessere Marktchancen. Chinas Autoindustrie hat dabei mächtig aufgeholt. Sie setzt den Deutschen Bytons M-Byte vor die Nase, ein innovativer Elektro-SUV zum Preis von deutlich weniger als 50 000 Euro, halb so teuer wie die Nobelkarossen der Konkurrenz aus Deutschland, aber keineswegs nur halb so gut.

Feigenblatt Elektro

Die Neuvorstellung rein elektrisch angetriebener Fahrzeuge (Diess: „Alternativlos“) ist – siehe oben – nicht mehr als nur ein Feigenblatt. Es ist wenig vorstellbar, dass die Hersteller tatsächlich daran glauben, reine E-Autos könnten zur Massenware werden.

Natürlich kennen auch sie die kaum lösbaren Probleme wie das nicht ausreichende Stromnetz. Gesetzt den Fall, etwa ein Drittel aller Kraftfahrzeuge führe ausschließlich elektrisch (das wären etwa 20 Millionen), hätte das sofort den völligen Zusammenbruch des Stromnetzes zur Folge. Denn wenn nur ein Zehntel von ihnen ihre Autos mit einem Akku von durchschnittlich 200 Kilowatt gleichzeitig laden wollte, was durchaus nachts der Fall sein könnte, müsste das Stromnetz rund 400 Gigawatt Leistung vorhalten. Theoretisch vorhanden sind aber nur rund 70 Gigawatt, die maximale durchschnittliche Leistung des gesamten deutschen Stromnetzes. Es ist nicht einmal ansatzweise erkennbar, wie dieses Defizit ausgeglichen werden könnte. Und weiter ungeklärt ist auch, woher man beispielsweise das teure Lithium für Akkus auf umweltfreundlichem Wege bekommen will.

Hoffnung Brennstoffzelle

Zu den wenigen hoffnungsvollen Aussagen der IAA gehört deshalb die des neuen BMW-Chefs Oliver Zipse. Anders als Diess machen die Bayern weiter mit der Wasserstoff-Brennstoffzelle. In Kooperation mit dem japanischen Hersteller Toyota forscht BMW an der Weiterentwicklung dieser Technologie, die jahrelang vernachlässigt wurde. Auch der südkoreanische Hersteller Hyundai setzt weiter auf Wasserstoff als umweltfreundlicher Antrieb von morgen.

Vielleicht weist die Weiterentwicklung den Ausweg für die Branche aus dem Rückschritt in die Zukunft. Ihr größtes Problem dabei: Sie ist (noch) zu teuer. Und es fehlen viel zu viele Wasserstoff-Tankstellen im Land.

Finden Sie Ihr Traumauto auf NWZ-Auto.de!

NWZ-Auto.de
Finden Sie Ihr Traumauto auf NWZ-Auto.de!

Thomas Haselier / Archiv
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

NWZONLINE-NEWSLETTER

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten.
Meine E-Mail wird nur zu diesem Zweck verwendet.
Einwilligung jederzeit wider­rufbar, Abmeldelink in jeder E-Mail. Die Datenschutz­erklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.