Wien Mit der Straßenbahn waren die sechs Terroristen zur Zentrale der Opec in Wien gefahren, der Organisation ölexportierender Länder. Ihre Fahrt hatten sie am Stadtpark angetreten, wo sie im Hilton Hotel residierten. Seelenruhig betraten sie das Gebäude und marschierten unkontrolliert in den ersten Stock des Gebäudes, wo eine Konferenz der Ölminister stattfand. Im Gepäck: Waffen und Sprengstoff.

Unter den sechs Terroristen waren auch zwei Deutsche, Gabriele Kröcher-Tiedemann (genannt „Nada“) und Hans-Joachim Klein. Ihr Anführer war Ilich Ramirez Sanchez, besser bekannt unter seinem bald weltweit gefürchteten Namen Carlos.

Ein 65-jähriger Polizist, Anton Tichler, stellte sich Carlos entgegen. Darauf hin soll Gabriele Kröcher-Tiedemann den kurz vor der Pensionierung stehenden Beamten mit einem Genickschuss niedergestreckt haben. Tichler starb. Auch ein Leibwächter und ein Delegierter der Opec-Konferenz starben.

Klein schwer verletzt

Wenige Minuten später trafen Polizisten ein. Bei dem Versuch, das Gebäude zu stürmen, eröffnete Hans-Joachim Klein das Feuer. Er selbst erlitt eine Schusswunde im Bauch. Klein wurde ins Krankenhaus gebracht, die Geiselnahme ging weiter. Insgesamt hatten die Terroristen 62 Personen als Geiseln genommen, darunter elf Ölminister aus arabischen Staaten.

Die Forderung der Geiselnehmer: Öffentliche Verlesung einer Erklärung, in der unter anderem die die Finanzierung des palästinensischen Widerstands durch Ölstaaten gefordert wurde. Ferner solle der Iran (damals vom Schah regiert) als „amerikanischer Agent“ bezeichnet werden, auch sollten die Ölquellen verstaatlicht werden. Schließlich dürfe kein arabischer Staat Israel anerkennen.

Die Gruppe, die sich als „Arm der arabischen Revolution“ bezeichnete, verlangte ihre Ausreise. Mit 33 Geiseln, darunter die elf Ölminister, wurden die Terroristen am nächsten Tag zum Flughafen Wien-Schwechat gebracht – mit dem schwer verletzten Hans-Joachim Klein. Für Diskussionen sorgte die Verabschiedung der Geiseln durch den österreichischen Innenminister Otto Rösch per Handschlag. Als letzter streckte ihm der Terrorist Carlos die Hand hin – und Rösch ergriff sie im Reflex.

In einer DC 9 flogen die Terroristen mit ihren Geiseln über Algier nach Tripolis. In Algier kam Klein in ein Krankenhaus, einige Geiseln wurden freigelassen, dann ging es weiter nach Tripolis, wo weitere Geiseln freigelassen wurden. Schließlich kehrten die Terroristen nach Algier zurück, wo die restlichen Geiseln freigelassen wurden. Die Terroristen selbst blieben unbehelligt.

Von Anschlag überrascht

Das Ziel des Anschlags, die Öl-Länder, hatte alle überrascht. Die Ölländer hatten zuvor die Ölpreise drastisch erhöht und gleichzeitig die Staaten mit einem Boykott belegt, die sich nicht offen von Israel distanzieren wollten. Und trotzdem wurde die Opec-Zentrale zum Ziel eines terroristischen Anschlags und Ziel einer Anti-Israel-Terroraktion. Bis zu der Aktion waren sowohl der „Arm der arabischen Revolution“ als auch der Terroristenanführer Carlos weitgehend unbekannt.

Carlos wurde 1994 gefasst, seine Partnerin „Nada“ bereits 1977. Hans-Joachim Klein ging dem Bundeskriminalamt 1998 ins Netz. Er hatte in Frankreich gelebt und war bereit, mit den deutschen Behörden zusammenzuarbeiten. Nach einer Verurteilung wegen der Beteiligung an dem Opec-Überfall zu neun Jahren Haft wurde er 2003 begnadigt. Carlos sitzt in einem Pariser Hochsicherheitsgefängnis ein. Gabriele Kröcher-Tiedemanns Beteiligung an der Tat kam ebenfalls vor Gericht. Sie wurde jedoch 1990 vom Mordvorwurf freigesprochen. Zuvor hatte sie in der Schweiz eine zehnjährige Haftstrafe verbüßt. Bei ihrer Verhaftung 1977 an der Schweizer Grenze waren zwei Schweizer Polizisten schwer verletzt worden. Kröcher-Tiedemann starb 1995 im Alter von 44 Jahren an Krebs. Sie war übrigens 1975 aus der Haft als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ im Austausch gegen den entführten CDU-Politiker Peter Lorenz freigepresst worden.

Ein vierter Beteiligter, der Libanese Anis Al-Nakasch, wurde 1982 in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch nach zehn Jahren freigelassen. Die Identität der beiden anderen beteiligten Terroristen wurde nie geklärt.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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