Frage: Herr Hunger, Sie befassen sich schon seit vielen Jahren mit der Geschichte der RAF. Gibt es eigentlich noch neue Erkenntnisse zu den unaufgeklärten Tatumständen?

Hunger: Das ist dünn. Es gab ja 2010/2012 noch den Strafprozess gegen Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord an Generalbundesanwalt Buback und seinen Begleitern. Da hat man wieder gesehen, wie wenig die Behörden wissen. Und all diejenigen, die wissen, wer geschossen hat, schweigen bis heute. Aus journalistischer Sicht und zeithistorisch ist das unbefriedigend. Aus Tätersicht ist es verständlich, weil es sich um Mordfälle handelt, und die verjähren nicht.

Frage: Wie würden Sie den Deutschen Herbst in der Rückschau bezeichnen?

Hunger: Was die RAF angeht, war das eindeutig der Höhepunkt. Es gab eine einmalige Eskalation, teils ungeplant, teils aus Hysterie gespeist. Medien spielen da übrigens unweigerlich eine zentrale Rolle, weil der Terrorismus qua Definition per Propaganda funktioniert. Und die Propaganda muss verbreitet werden. Die Dramaturgie des Jahres 1977, erst Morde, dann Schleyer-Entführung, dann Flugzeugentführung, war kaum zu steigern. Allerdings war die tatsächliche Zahl der RAF-Opfer und die Gruppe der potenziellen Opfer, nämlich Manager, Juristen, Polizisten, nach heutigen Maßstäben auffallend klein. Der 11. September 2001 hat gezeigt, das ganz andere Dimensionen möglich sind. Wir haben in Deutschland nur deshalb noch keine Anschläge dieser Größenordnung, weil die infrage kommenden Attentäter zu schlecht organisiert sind.

Frage: Wie sind Sie zu der Thematik gekommen?

Hunger: Ich habe mich schon als Jugendlicher für Politik interessiert, und Terrorismus ist ein politisches Phänomen. Als Politik-Student habe ich mich mit Kriegsursachenforschung befasst. Da gibt es Parallelen zum Terrorismus. In der Spiegel-Dokumentation spezialisieren wir uns auf Fachgebiete, ich war bei diesem Thema vorbelastet. Vor zehn Jahren hat der Spiegel in einer Serie den Deutschen Herbst aufgearbeitet, vor allem beim Verifizieren der Spiegelartikel habe ich sehr viel gelernt über die Zeit. Man kommt oft auf die Frage zurück: Wie kann es sein, dass bis 1977 ein großer Teil der RAF-Taten aufgeklärt ist? Danach, bei den Taten der sogenannten dritten Generation, gibt es für zahlreiche Mordtaten nicht einmal Verdächtige. Die Behörden haben nichts, und die Täter und Mitwisser sagen nichts.

Frage: Es gibt ja noch die Chance, die drei flüchtigen Daniela Klatte, Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub zu fassen.

Hunger: Am Anfang hatte ich die Vorstellung, die drei würden eventuell mit einer anderen Haltung in ein Gerichtsverfahren gehen und das Schweigen brechen, weil sie nicht mehr kämpfen. Aber jetzt haben sie bei Raubüberfällen geschossen. Das wertet die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord. Da wird eine umfangreiche Aussage zu früheren Straftaten – zum Beispiel zum Herrhausen-Mord – keine wesentliche Strafmilderung bringen. Was den Aufklärungsaspekt angeht, sind Garweg, Klatte und Staub deshalb nicht mehr so vielversprechend.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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